Antirassistischer EM-Rückblick: EM – Einig Mutterland (Teil 3)

bildungmain, oldblog2 Comments

Beitragsbild_fightforequality
Die Fußball-EM ist vorbei – möge das bessere Team gewonnen haben. Nicht vorbei aber ist der unsportliche Teil. Denn der braune Morast ist weltweit tiefer verwurzelt als der grüne Kunstrasen in Kiew und Warschau, wie uns auch eine Mitarbeiterin des Mobilen Beratungsteams gegen Rechtsextremismus in Hamburg bestätigt: „Der extremen Rechten kann nicht alleine repressiv mit staatlichen Mitteln begegnet werden. Ihr muss vor allem eine starke Zivilgesellschaft entgegenstehen, die gerade auch in alltäglichen, vermeintlich unpolitischen Situationen, deutlich macht: Rassismus, Antisemitismus, menschenverachtende Ideologie, das hat bei uns keinen Platz, nicht auf der Straße, nicht im Klassenzimmer, nicht im Sportverein”. Und was macht die UEFA? Sie bringt Bewegung in die Antirassismus- und Antidiskriminierungsarbeit der Fußball- und Sportlandschaft.

Sind die Zeiten der Lippenbekenntnisse also vorbei? Entsprechende Initiativen werden von der UEFA zumindest ernster genommen – und von Problemen liest man in offiziellen Berichten tatsächlich ungeschönter.

alternativer Titel

Mehrere Jahre vor der EM 2012 sind Initiativen wie das FARE-Netzwerk (Fußball gegen Rassismus in Europa) mit mehr als 3 Millionen Euro ausgestattet worden, um ein Konzept gegen „Rassismus, Intoleranz und Rechtsextremismus” für das Großereignis auszuarbeiten. Wir dokumentieren, was mit den Geldern geschehen ist und betrachten zunächst das offizielle Engagement gegen Rassismus und Diskriminierung vor und während der EM 2012.

Wir werfen dann einen Blick auf die Vereinsarbeit in Deutschland und fragen uns, wie hier Rassismus, Rechtsextremismus und weitere Formen von Diskriminierung bekämpft werden (können). Eine Mitarbeiterin des „Mobilen Beratungsteams gegen Rechtsextremismus” in Hamburg gab uns Antworten. Am Ende des Artikels findet ihr Infomaterialien, Broschüren, Links und Literaturhinweise zur Vereinsarbeit gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Diskriminierung…

UEFA: Union of European Football Associations oder United and Equal against Fascism and in favor of Antiracism?!

Die UEFA arbeitet seit einigen Jahren verstärkt gegen Rassismus und Diskriminierung sowie für einen gestärkten und friedlichen internationalen Fan-Zusammenschluss, was als „Respekt“-Kampagne bezeichnet wird. Das Engagement ist direkt auf die Sensibilisierungs- und Beratungsarbeit des sogenannten FARE-Netzwerkes zurückzuführen (Fußball gegen Rassismus in Europa). Dahinter steht ein internationaler Zusammenschluss anti-rassistischer Fan-, Vereins- und Spielerprojekte, wie Mondiali Antirazzisti, Bündnis aktiver Fußball Fans, European Gay and Lesbian Sport Federation, Football Unites, Racism Divides und vielen mehr.

Vier Kampagnen haben bei der EM die inahltliche Ausrichtung gerahmt: Rassismus bekämpfen (Respect Diversity), Barrierefreiheit für Fans mit Behinderungen schaffen (Respect Inclusion), Sport als eine für die Gesundheit förderliche Aktivität bewerben (Respect Your Health) sowie den interkulturellen Dialog zwischen den Fans und den ausrichtenden Städten stärken (Respect Fan Culture). Die Aktivitäten lassen sich an einigen Beispielen verdeutlichen:

Fanchoreografie, ‚Respect – change your jersey‘ und Kapitänsappelle

In den Stadien wurden Teile der Bandenwerbung regelmäßig mit der Kampagne „Respect – changeyourjersey.com” bestückt. Unter diesem Motto wurde auch ein Videoclip gedreht, der in den Spielpausen der weltweiten Fernsehanstalten ausgestrahlt wurde. Im Video wird gesellschaftliche Heterogenität unter anderem auf den Ebenen von Geschlecht, Alter, Hautfarbe, Tätigkeit/Funktion sowie körperlicher Behinderungen dargestellt. Change-your-jersey (32 Sekunden):

Sowohl die Bandenwerbung als auch die Zeit in den Werbepausen bedeuten im Multimillionen-Geschäft des Profi-Fußballs ein direktes finanzielles Engagement für die Kampagne, da jeder Bandenmeter und jede Minute Werbepause viele Millionen Euro Einnahmemöglichkeit bedeuten.

Auch die Fans im Stadion wurden miteinbezogen und zeigten teilweise umfangreiche Choreografien. So etwa beim Spiel Deutschland vs. Italien (s. obere Rang der Gerade):

Weiter haben die Kapitäne der Nationalmannschaften vor jedem Anpfiff auf dem Spielfeld eine sogenannte „Respect-Diversity“-Botschaft vorgelesen. Die Texte konnten die Spieler in Anlehnung an die Statuten der Respect-Initiative selbst verfassen. So etwa der italienische Torhüter und Kapitän Gianluigi Buffon:

Meine Teamkollegen und ich lehnen jede Art von Diskriminierung ab. Wir sind ein Team, unabhängig von unserer Religion oder von unserem ethnischen Hintergrund. Deswegen unterstützen wir die ‚Respect Diversity‘-Botschaft der UEFA und fordern alle im Fußball Beteiligten dazu auf, es uns nachzutun.Gianluigi Buffon

Der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, Philipp Lahm, erweiterte Buffons Appell um die Aspekte sexueller und geschlechtlicher Diskriminierung:

Die vergangenen drei Wochen haben gezeigt, wie der Fußball Menschen mit einer gemeinsamen Leidenschaft zusammenbringen kann. Nationalität, Religion, Geschlecht oder sexuelle Orientierung spielen dabei keine Rolle. Meine Teamkollegen und ich als Kapitän der deutschen Nationalmannschaft bitten Sie, gemeinsam mit uns alle Formen von Diskriminierung abzulehnen und die Botschaft der UEFA ‚Respekt für Vielfalt‘ zu unterstützen.Philipp Lahm

Die Notwendigkeit, gegen Homophobie im Fußball einzuschreiten, zeigt ein aktuelles Interview mit einem nicht geouteten schwulen Bundesligaspieler im Fluter, dem Magazin der Bundeszentrale für Politische Bildung.

Banner: Fußballfans gegen Homophobie

Christiano Ronaldo, der portugiesische Kapitän, fügte seiner Botschaft wiederum den sozialen Hintergrund als mögliche Projektionsfläche für Diskriminierungen hinzu:

In unserem Land kommen Leute mit vielen verschiedenen Hintergründen zusammen und das verdanken wir nur der UEFA EURO 2012. Fußball kann die Menschen zusammenbringen wie kein anderer Sport, der religiöse, soziale oder ethnische Hintergrund spielt dabei keine Rolle. Deshalb halten wir sowohl auf als auch abseits des Rasens zusammen und unterstützen das UEFA-Respect Diversity-Programm.Christiano Ronaldo

Auch wenn die Appelle der Nationalspieler wichtige und richtige Schritte sind, lässt sich fragen, wieso die einzelnen Spieler bestimmte Aspekte genannt und andere wiederum nicht benannt haben? Und wie kommt es, dass es außer auf der UEFA-Seite keine Berichterstattung in den deutschsprachigen Medien zu den Appellen, den Hintergründen und Motiven der Kampagne gibt? Wir konnten zumindest keinen einzigen Bericht hierzu finden.

alternativer Titel

Mit dem Werbespot, den Faninitiativen sowie den Reden der Kapitäne wird sich insgesamt für eine neue-alte „Normalität“ ausgesprochen, ausgrenzenden und rassistischen Bildern eine Alternative geboten. Nun kann ein solcher Clip nicht darüber hinwegtäuschen, dass es weiter Leute gibt, die die dort gezeigte Gemeinschaft ablehnen und aktiv bekämpfen wollen. Auch für die, die beispielsweise im oder vor dem Stadion rassistische Sprechchöre anstimmen, hat die UEFA mit Partnerorganisationen deswegen ein Konzept entwickelt:

Meldestelle für rassistische Übergriffe und Anfeindungen

So standen FARE und der osteuropäischen Partner-Initiative „Never Again“ bei jedem EM-Spiel eine kleine Anzahl von Tickets und Akkreditierungen zur Verfügung. Damit konnten bei jedem Spiel mindestens zwei unabhängige BeobachterInnen in den Stadien das Geschehen verfolgen, dokumentieren und „alle rassistischen, diskriminierenden, neonazistischen und rechtsextremistischen Ausdrucksweisen, Banner und Verhaltensweisen“ melden, erklärt FARE-Geschäftsführer Piara Powar.

Um die Symbole und Sprechchöre der jeweiligen Fans auch entsprechend einschätzen zu können, wurden die BeobachterInnen aus den jeweiligen Nationen rekrutiert, die sich bei den Spielen gegenüberstanden.

Aber auch die regulären Fans konnten während der EM rassistisches, homophobes und anderweitig diffamierendes Verhalten an die Meldestelle von FARE weiterleiten und können dies auch zukünftig im Fußballalltag der nationalen Liegen tun. Während der EM wurde so beispielsweise der kroatische Fußballverband stellvertretend für rassistische Aktionen eines Teils der kroatischen Fans im Spiel gegen Italien zu 80.000 Euro Strafe verurteilt.

Anti-rassistische und Vereinsarbeit gegen Rechts in Deutschland

Um die Maßnahmen von UEFA und FARE einordnen und in den Zusammenhang der Vereinsarbeit in Deutschland zu stellen, haben wir eine Freundin und Kollegin des „Mobilen Beratungsteams gegen Rechtsextremismus“ in Hamburg um ihre Einschätzung gebeten.

Hast du die „Respekt“-Kampagne während der Fußball-EM mitbekommen und wenn ja, welchen Eindruck hast du davon?

Vorab muss ich sagen, dass ich mich nicht für Fußball interessiere, also so gut wie nie ein Spiel sehe und gesehen habe. Trotzdem, ja, die Kampagne haben wir schon mitbekommen und finden solche Aktionen im und um das Stadion, wie das Zeigen von Spots, in denen bekannte Fußballer für Toleranz werben, auch sinnvoll, weil sie ein richtiges und wichtiges Signal senden und damit tausende von Menschen erreichen. Gleichzeitig ist uns klar, dass dies bloße Symbolpolitik ist, es dabei also allein nicht bleiben darf. So wichtig es ist, Zeichen zu setzen und über Zeichen deutlich zu machen, dass Rassismus und andere Diskriminierungen im Stadion und im Sport an sich nicht geduldet werden, so wichtig ist es bei konkreten Vorfällen entsprechende Konsequenzen zu ziehen.

Wie gestaltet sich die antirassistische Arbeit in Fußballvereinen und Vereinen generell in Deutschland?

Wie gesagt, ich bin kein Fußballfan. Aber mir ist bekannt, dass viele Vereine heute Fanprojekte haben, die viel zu den Themen Rassismus und Diskriminierungen arbeiten und da auch wirklich gute Sachen machen. In Hamburg haben sowohl der HSV als auch St. Pauli ein Fanprojekt, die nicht nur mit einzelnen Fans arbeiten, sondern auch größere Projekte zu den Themen auf die Beine stellen. Viele Stadien haben heute außerdem eine Haus- bzw. Stadienordnung, die bestimmte Äußerungen bspw. auf Spruchbändern oder das Tragen bestimmter Klamottenmarken verbietet. Die Vereine machen also auch so einiges.

Es gibt sicher viele Leute, die sich mit dem Thema noch nicht bewusst auseinandergesetzt haben und sich aus unterschiedlichsten Gründen scheuen, dies zu tun. Was würdest du ihnen aus deiner Arbeitserfahrung entgegnen? Warum ist die Auseinandersetzung so wichtig?

Weil die Rechnung der extremen Rechten, Einfluss auf gesellschaftliche Auseinandersetzungen zu nehmen, langfristig aufgehen kann, wenn ihnen niemand widerspricht. Der extremen Rechten kann nicht alleine repressiv mit staatlichen Mitteln begegnet werden. Ihr muss vor allem eine starke Zivilgesellschaft entgegenstehen, die gerade auch in alltäglichen, vermeintlich unpolitischen Situationen, deutlich macht: Rassismus, Antisemitismus, menschenverachtende Ideologie, das hat bei uns keinen Platz, nicht auf der Straße, nicht im Klassenzimmer, nicht im Sportverein. Und hier überall finden wir menschenverachtendes Denken, nicht nur in der großen Politik, bei der NPD. Es gilt die potentiell von rechter Gewalt Betroffenen zu schützen und zu unterstützen und Rassismus usw. nicht erst zu ahnden und zu thematisieren, wenn es zu gewalttätigen Übergriffen kommt. Dann ist es für die Betroffenen nämlich zu spät.

Könntest du vielleicht drei erste Schritte nennen, die ehrenamtliche und angestellte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus Vereinen in Bezug auf rassistische und anderen Formen der Herabwürdigung und Ausgrenzung bestimmter Personengruppierungen treffen sollten?

1. Satzungsänderung: Wir empfehlen Vereinssatzung so zu gestalten, dass die Satzung die Leitideen des Vereins deutlich macht, klar benennt, wofür der Verein steht (Toleranz, faires Miteinander) und  wogegen er sich wendet (beispielsweise unter dem Punkt „Vereinszweck“ deutlich zu bestimmen, wem der Verein eine Mitgliedschaft anbietet und wem nicht, z.B. Personen die extrem rechten Parteien und Organisationen angehören oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, antisemitische oder menschenverachtende Äußerungen und Handlungen aufgefallen sind). Bedenken sollten Vereine, dass alle Vereinsmitglieder die Werte des Vereins kennen sollten, eine Satzungsänderung sollte also idealerweise nicht top-down durchgedrückt, sondern auf einer Mitgliederversammlung besprochen und diskutiert werden. Darüber hinaus kann ein Verein die Haus- und Nutzungsordnung für Sportanlagen ergänzen.

2. Entscheidend ist neben den rechtlichen Möglichkeiten, die Vereine haben, aber die politische Auseinandersetzung im Verein, die Kultur eines Vereins: erleb- und erfahrbare Demokratie im Verein, ein faires und soziales Miteinander, das sind letztlich die besten Mittel gegen Rassismus und Rechtsextremismus.

3. Am Beispiel der Arbeit mit Fans wird deutlich, dass eine solche Auseinandersetzung nicht erst bei Auftauchen direkter, rechtsextremistischer Propaganda beginnen sollte. Rassistische Rufe und Gesänge, homophobe Beschimpfungen auf dem Platz, Aufrufe zu bewussten Fauls (das fängt bei der selbstverständlichen Einforderung der „Blutgrätsche“ gegen gegnerische Stürmer an) all dies sind Arbeitsfelder, die in der Fanarbeit, aber auch im normalen Trainingsalltag mit z.B. Jugendmann/frauschaften beackert werden sollten.

Die nachstehende Bildergallerie gibt einige der von FAREnetwork dokumentierten Momente ihrer Fan- und Jugendarbeit wieder.

*Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von FAREnetwork

Weiterführende Informationen, Broschüren, Materialien für die Vereinsarbeit gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Diskriminierung

Wer konkrete Projekte umsetzen will, sei auf folgenden Hinweis von FARE verwiesen:

„FARE unterstützt jede aktive Fangruppe, die Aktionen gegen Rassismus in ihrem Verein oder in ihrem Land organisieren will. Dies ist besonders wichtig in Bezug auf Vereine und/oder Fußballverbände, die sich immer noch nicht an Initiativen gegen Rassismus beteiligen wollen oder in Ländern, in denen rechts gerichtete Fans versuchen, eine führende Rolle in Fanvereinigungen zu übernehmen, indem sie andere wichtige fanspezifische Themen wie den Kampf gegen die Kommerzialisierung als Teil ihrer Propaganda missbrauchen.“ Mehr Informationen auf farenet.org

  • „Rechtsextremen nicht auf den Leim gehen. Ein Ratgeber für den Sport“. Herausgegeben von Arbeit und Leben Hamburg (2012). Download der Broschüre>
  • „Im Verein – gegen Vereinnahmung. Eine Handreichung zum Umgang mit rechtsextremen Mitgliedern“. Herausgegeben von der Regionalen Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie (RAA) Mecklenburg-Vorpommern (2009): Download der Broschüre
  • „Eine Frage der Qualität: Vereine und Verbände stark machen – zum Umgang mit Rechtsextremismus im und um den Sport“. Herausgegeben von der Deutschen Sportjugend (dsj) (2009): Download der Broschüre
  • “Tackling racism in clubs – A guide for clubs” (Englisch). Herausgegeben von der UEFA: Download der Broschüre
  • „Kritische Bildung gegen Rechts – Ein Überblick über Literatur, Materialien und Links“. Herausgegeben von Arbeit und Leben Hamburg. Download der Broschüre

Teilen und Verbreiten

2 Comments on “Antirassistischer EM-Rückblick: EM – Einig Mutterland (Teil 3)”

  1. weller.elisa@googlemail.com

    Ein schöner Abschluss der Trilogie! Die konkrete praktische Perspektive – nach all der berechtigten Kritik – finde ich sehr wichtig. Respect Diversity! :)

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *