Antirassistischer EM-Rückblick: EM – Einig Mutterland (Teil 2)

bildungmain, oldblogLeave a Comment

Collage_em2
Die Fußball-EM ist vorbei – möge das bessere Team gewonnen haben. Nicht vorbei aber ist der unsportliche Teil. Denn der braune Morast ist weltweit tiefer verwurzelt als der grüne Kunstrasen in Kiew und Warschau. Zum Beispiel: Gerhard Mayer-Vorfelder.

Klose hat es getan. Khedira, Podolski und Boateng nicht. Wie einige andere deutsche Nationalspieler haben sie die Nationalhymne bei der Fußball-EM nicht mitgesungen. Für einige Beobachtende ist von Relevanz, dass es sich hier um Deutsche mit Migrationshintergrund handelt, die ‚das Lied der Deutschen‘ nicht mitgesungen haben. Der selbsterkorene Chefaufseher des deutschen Sing-Patriotismus und DFB-Ehrenpräsident Gerhard Mayer-Vorfelder hat der BILD-Zeitung nach der EM ein Aufmacher-Interview zum Thema geliefert:

„Der Bundestrainer muss die Singpflicht durchsetzen. Notfalls in einem Vier-Augen-Gespräch. Er sagt immer, er könne sie nicht zwingen. Ich sage aber: Klar kann man die Spieler zwingen. Wenn sich einer der Spieler dann immer noch beharrlich weigert, dann wird er eben nicht mehr eingeladen. Und wenn Löw einem seiner Spieler sagt, dass er singen muss, weil er sonst nicht mehr nominiert wird, dann wird er ganz schnell springen“ (RP-Online vom 19.07.).

Jetzt denkt man sich „Na und? Mayer-Vorfelder und andere in Deutschland waren schließlich früher im Stuttgarter Christkindel-Chor, haben jahrelang mit ihren Großeltern Musikantenstadel anschauen müssen und finden es einfach schön und gesellig, wenn Menschen zusammen ein Lied singen”. Nun. Mayer-Vorfelder führt im Interview mit der BILD weiter aus:

Der Migrationshintergrund ist für mich keine ausreichende Begründung, stumm zu bleiben. Ich kann nicht für die DFB-Auswahl auflaufen und alle Vorteile einstreichen wollen, dann aber so tun, als wäre ich nur ein halber Deutscher.Mayer-Vorfelder, Welt-Online 19.07.

Herr Mayer-Vorfelder, jetzt mal Butter bei die Fische, worum geht es hier eigentlich?

Geht es hier vielleicht eher um das, was in der Migrationsforschung immer wieder thematisiert wird? Dass Deutsche mit Migrationshintergrund das Gefühl vermittelt bekommen, sie müssten „deutscher als die Deutschen“ sein, um als solche anerkannt zu werden – ohne dass überhaupt klar wäre, was unter „Deutsch-Sein“ zu verstehen ist. Da werden also Podolski, Özil, Boateng und weitere deutsche Nationalspieler mit anderen Wertmaßstäben be- und verurteilt als etwa Schweinsteiger, Neuer oder Reus. Erstere sollen singen, um zu signalisieren, dass sie wirklich, aber auch „wirklich dazugehören (wollen)“.  Nicht-Singen wird dann als Beweis fehlender Überzeugung, fehlenden Gemeinschaftsgefühls und eines „IntegrationsUNwillens“ gewertet. Das kann man Podolski und Co. aber nur vorwerfen, wenn man sie noch nicht als selbstverständlichen und gleichwertigen Teil des Ganzen anerkennt. Würde bei Schweinsteiger schließlich keiner auf die Idee kommen, dass er kein „richtiger Deutscher“ ist, nur weil er mal nicht singen mag.

alternativer Titel

Das eigentliche Problem liegt also woanders: Die betroffenen Deutschen mit Migrationshintergrund werden der Kritik nie zufriedenstellend begegnen können, da es gar nicht um Singen oder Nicht-Singen geht, sondern darum, dass Mayer-Vorfelder und Co. sie nicht als gleichwertige Deutsche anerkennen. Passen sie schließlich mit ihrem Aussehen, ihrem Namen, ihrer mehrfachen Zugehörigkeit nicht in das „Deutschen-Bild“, das Mayer-Vorfelder und Konsorten immer noch vorschwebt. Khedira solle nicht „so tun“ als wäre er „nur ein halber Deutscher“, sagt Mayer-Vorfelder. „Ganz oder gar nicht“ also, „keine halben Sachen“, „entweder Deutsch oder das Herkunftsland der Eltern“. Da macht die deutsche Nationalhymne also 50 Prozent des Deutsch-Seins aus. Wie man sich die anderen 50 Prozent aneignet, verrät er den BILD-LeserInnen nicht.

Wer ist dieser Mayer-Vorfelder eigentlich, dass er meint hier alte Kamellen wieder hervorholen zu können, die doch längst keiner mehr lutschen will?

  • Mayer-Vorfelder ist DFB-Ehrenpräsident, war aktiver CDU-Politiker auf Landesebene, zehn Jahre Minister für Kultus und Sport, acht Jahre Finanzminister von Baden-Württemberg (bis 1998).
  • Mayer-Vorfelder gehört zu der CDU-Generation, die mit ihrer Partei noch bis zum Jahrtausendwechsel verweigert haben anzuerkennen, dass Deutschland ein Migrationsland ist.
  • Mayer-Vorfelder ist dazu noch „eine wichtige Persönlichkeit in der nationalistischen Hans-Filbinger-Stiftung, in dessen Reihen auch Christa Meves wirkte, Redaktionsmitglied des strammrechten „Deutschlandmagazins“ – aber auch Paul Schmidt-Carell, der schon unter Hitler 1940 unter dem Namen Paul K. Schmidt Chef der Presse- und Nachrichtenabteilung des Auswärtigen Amtes war.
  • Mayer-Vorfelder ist jemand, der Sachen gesagt hat wie: „Wenn beim Spiel Bayern gegen Cottbus nur zwei Germanen in den Anfangsformationen stehen, kann irgendetwas nicht stimmen.” (Zitat von 1986)
  • Und dann sowas meint wie: „Die Chaoten in Berlin, in der Hafenstraße in Hamburg und in Wackersdorf springen schlimmer rum als die SA damals.“ (auf einer CDU-Veranstaltung 1987, im Zuge der Ausstellungstour „Tatort Stadion“ hat Mayer-Vorfelder sich inzwischen für diese Aussage entschuldigt).
  • Und sich Fragen stellt wie: “Was wird aus der Bundesliga, wenn die Blonden über die Alpen ziehen und stattdessen die Polen, diese Furtoks und Lesniaks, spielen?” (Zitat von 1989)
  • Mayer-Vorfelder ist jemand, der meint, es könne nicht schaden, wenn Schüler alle drei Strophen des ‚Deutschlandliedes‘ beherrschen. Schließlich singen auch die Franzosen ihre Marseillaise komplett – trotz „ihre(r) Geschichte des Dritten Reiches, die in Frankreich gar nicht viel einfacher war als die Geschichte des Dritten Reiches bei uns.“ (Quellen: Zeit-Artikel vom 17.01.2002 sowie Wanderausstellung „Tatort Stadion“ (2001-2006))

Abstimmungen zur Singpflicht auf diversen Online-Portalen

Es geht vielen nicht um das Singen an sich. Wie auf Bravosport.de, Bild.de oder Cicero.de stimmen solche Leute nur vordergründig dafür ab, ob eine “Singpflicht” eingeführt werden sollte. Vielmehr stimmen viele darüber ab, wen sie als Deutsche/n akzeptieren wollen und wen nicht, wer zur deutschen Bevölkerung zählen darf und wer nicht.

„Soll bei der deutschen Nationalmannschaft eine Singpflicht eingeführt werden?“, fragt Bravo Sport. Und gibt drei Antwortmöglichkeiten vor:

  1. So ein Unsinn! Jeder Spieler hat das Recht die Entscheidung für sich zu treffen!(22 Prozent)
  2. Es ist zwar Schade, dass nur so wenige Spieler die Hymne mitsingen, aber zur Pflicht kann man es auch nicht machen! (45 Prozent)
  3. Auf jeden Fall muss die Singpflicht eingeführt werden. Beschämend, dass die Spieler nicht zu Deutschland stehen! (35 Prozent)

„Müssen deutsche Sportler die Nationalhymne singen?“, fragt Cicero – Magazin für politische Kultur. Und gibt zwei Antworten vor:

  1. Ja, denn schließlich repräsentieren sie ja unser Land (64 % – 553 Stimmen)
  2. Nein, die Entscheidung bleibt ihnen selbst überlassen (36 % – 311 Stimmen)

Antwortmöglichkeiten Pro-Gesangpflicht werden hier stets mit einem bestätigendem Zugehörigkeitsgefühl zur Nation verbunden. Bei den Contra-Antworten fehlt dieser Bezug. Es hätte aber doch auch heißen können: „Nein, sie müssen nicht singen, die Spieler repräsentieren Deutschland beim Fußballspielen und nicht beim Singen.“ Oder: „Nein, sie müssen nicht singen, denn es zeichnet uns Deutsche gerade aus, dass wir kritisch mit nationaler Symbolik umgehen und nationale Symbolik nicht unhinterfragt abfeiern“.

Die BILD will’s natürlich auch wissen. Sie fragt: „Brauchen wir eine Singpflicht?“

„Ja“ sagen 77 Prozent. „Nein“ sagen 23 Prozent der 119.340 Teilnehmenden (Stand 24.07.2012)

Hier wird das „Ja“ fürs Singen mal nicht mit dem „Ja“ für die Nation vermengt. Könnte man denken. Stimmt natürlich nicht. Über der Umfrage: ein Foto mit der Bildunterschrift: „Riesen-Wirbel – SIND WIR PATRIOTISCH GENUG?​ Die Hymnen-Verweigerer von Warschau: Nur Schweinsteiger singt laut. Podolski, Özil, Boateng und Khedira schweigen, Kroos summt ängstlich mit“ (siehe oben).

Im weiterführenden Artikel heißt es dann: „Die Italiener schmetterten ihre Hymne Fratelli d‘Italia („Brüder Italiens“) mit Inbrunst und Kraft. Auch Mario Balotelli, der Sohn ghanaischer Einwanderer nach Italien.“ Auch hier funktioniert die Argumentation nur mit Verweis auf den schwarzen Italiener Balotelli, der erneut als eigentlich nicht selbstverständlicher Teil der italienischen Nationalmannschaft hervorgehoben wird (s. hierzu auch unseren Artikel zu Balotelli).

Und die BILD weiter: „Auffallend: Die Stars mit Migrationshintergrund (Ausnahme Klose) bleiben generell stumm. Sie haben den deutschen Pass, aber verweigern die Hymne. Das kann‘s nicht sein.“

Also Herr Boateng, Herr Özil, Herr Podolski, Herr Khedira. Seien Sie doch so nett. Bringen Sie endlich den Beweis, dass Sie es wirklich und ganz bestimmt und hundertprozentig und ganz im ernst ernst meinen mit dem Deutschsein. SINGEN SIE! VERDAMMT NOCH MAL! JETZT! UND ZWAR LAUT! Und zwar so, dass es alle hören und sehen können. Sogar Meyer-Vorfelder in seiner Mercedes-Benz-Lounge. Wir meinen das jetzt auch gar nicht so böse wie es sich liest. Aber sie müssen schon wissen: Es reicht nicht, dass Sie sich für die deutsche Nationalmannschaft entschieden haben. Tore schießen und verteidigen. Gegen die Herkunftsländer Ihrer (Groß)Eltern spielen. Sich Anfeindungen seitens der Herkunftsländer Ihrer Eltern gefallen lassen müssen. Die deutsche Staatsangehörigkeit annehmen. Sprechen, denken, handeln, so wie Oma Gertrut und Opa Nuri. Sie müssen schon singen. Am besten alle drei Strophen. Dann glaubt man Ihnen auch. Wirklich. Versprochen. Sogar der Mayer-Vorfelder.

alternativer Titel

Teilen und Verbreiten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *