Teil I unserer Kolumne auf MiGAZIN.de: Diskriminierende und rassistische Sprachgewohnheiten – eine Selbstbeobachtung.

janne Grotemain1 Comment

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Die eigene Sprache überdenken, weil sie Rassismen transportiert? Im beruflichen und alltäglichen Umgang mit dieser Frage  sind wir häufig auf Abwehr gestoßen. Zum Auftakt unserer neuen MiGAZIN-Kolumne** versuchen wir uns an einer Systematik ‘weißer’ Abwehrstrategien und schlussfolgern: Es fehlt an einer Haltung, in der sich die kritische Reflexion von Sprache mit der Frage nach damit im Zusammenhang stehenden Diskriminierungsverhältnissen verbindet.

Sprache ist machtvoll. Sie operiert auf einer Bühne der Unterscheidungen und teilt Menschen in Haupt- und Nebendarsteller_innen ein. Wir, die AutorInnen dieser Kolumne, befinden uns ebenfalls auf dieser Bühne. Anders jedoch als viele andere, die hier auf MiGAZIN schreiben, sprechen wir nicht aus einem „wir“ mit (offensichtlichem) Migrationshintergrund. Das heißt wir bekommen auf dieser Bühne selten die Herkunftsfrage gestellt bzw. man bedrängt uns nicht mit der Frage, wo wir „eigentlich“ herkommen. Auch wurde uns nie allein aufgrund unseres Nachnamens ein Job oder eine Wohnung verwehrt – von strukturellen Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen mal ganz abgesehen.

In unserer Arbeit, aber auch im Austausch mit Freund_innen und Bekannten diskutieren wir oft über folgende Fragen: Welche Vorstellungen von „wir“ und „den Anderen“ empfinden wir eigentlich als „normal“ und „gegeben“? Inwiefern spiegeln sich solche vermeintlichen Normalitäten in unserer Alltagssprache wider? Und wie werden über ein solches normales Sprechen möglicherweise gesellschaftliche Ungleichheits- und Diskriminierungsverhältnisse reproduziert?

Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen löst oftmals Irritationen aus. Etwa dann, wenn wir darauf hinweisen, dass es sich bei den z.B. als „Ghanaer“ – häufiger noch als „Afrikaner“ – bezeichneten und hier lebenden Jugendlichen (auch) um Deutsche handelt. Oder dann, wenn wir zur Diskussion stellen, ob die nationale Etikettierung als „Türke“ bzw. „Türkin“ wirklich ein sinnvolles bzw. „ganz normales“ Synonym für die Berufsbezeichnung „Gemüsehändler“ ist – wie es in einigen Regionen Deutschlands der Fall ist. Wir sind überzeugt, dass mit diesen und weiteren Zuschreibungen symbolische und faktische Ausschlüsse verbunden sind. Sie reduzieren Menschen auf ihr vermeintlich nicht-deutsches ‚Aussehen’ und damit verbundene natio-ethno-kulturelle Zuschreibungen. Zudem werden in diesen Bezeichnungen (unbewusst) Überbleibsel eines völkisch-rassistischen Verständnisses von Deutsch-Sein mittransportiert, das vor allem durch Weiß-Sein und den Familienstammbaum bestimmt wird. Kurz: Einseitige sprachliche Kategorisierungen wie der Zwang zur nationalen Vereindeutigung machen einen Unterschied. Sie haben Konsequenzen auf Zugehörigkeitsdiskussionen, -praktiken und -gefühle.

Es fällt uns auf, dass besonders Angehörige einer weißen*** Mehrheitsgesellschaft häufig mit Abwehr auf Fragen und Diskussionen dieser Art reagieren. Diese werden wahlweise als anmaßend oder kleinlich, als gängelnd oder auch als Gelegenheit empfunden, eigene rassistische und diskriminierende Positionen zu bestätigen. Im Folgenden wollen wir vier solcher Abwehrstrategien einmal nachgehen:

Abwehrstrategie Nr. 1: Die Diskussion wird kleingeredet.

Ob nun „Farbiger“ oder „Schwarzer“, ob „Ausländer“ oder „Deutsche mit Migrationsgeschichte“ – da gäbe es doch wirklich Wichtigeres als sich mit Begrifflichkeiten oder der (Selbst-)Bezeichnung einzelner Gruppierungen zu beschäftigen. Sicher scheint: Den „großen“ Problemen „unserer Gesellschaft“ könne man mit einer solchen Debatte nicht begegnen.

Interessant ist hier: Über die Relevanz einer solchen Diskussion über Bezeichnungen wird vor allem von jenen entschieden, die von den zur Debatte stehenden Zuschreibungen und damit verbundenen Diskriminierungen nicht betroffen sind. Es sind diejenigen, die sich selbstverständlich als „Deutsche“ fühlen und bezeichnen können – wenn sie denn wollen –, und denen dabei nicht mit Irritation begegnet wird. Es sind zugleich diejenigen, denen über Werbung, Fernsehserien, Schulbücher etc. eine selbstverständliche Zugehörigkeit zur Gesellschaft vermittelt wird.

Das Argument wird zudem meist von jenen angebracht, die selbst wenige oder keine Lösungsansätze für die von ihnen angemahnten „großen und eigentlichen“ Probleme benennen können, geschweige denn auf dieser Ebene aktiv sind.

Abwehrstrategie Nr. 2: Die Sprachdiskussion wird emotional aufgeladen.

Dies geschieht meist zunächst auf persönlicher Ebene. Entweder durch Empörung („Willst du mir jetzt etwa unterstellen, dass ich diskriminiere? Das muss ich mir ja wohl nicht anhören. Ich arbeite schon seit 25 Jahren im sozialen Bereich!“); durch lautstarke Unschuldsbekundungen („Früher haben wir immer N*küsse gesagt. Das haben wir doch nicht rassistisch gemeint!“); oder Trotz („Also wenn wir jetzt nicht mal mehr Ausländer sagen dürfen, dann dürfen wir bald gar nichts mehr sagen!“). Letzteres mündet oft im Ruf nach einer Grundsatzdiskussion über die „eigene“ und gesellschaftliche Meinungs- und Sprachfreiheit.

Diese Reaktionen zeigen, dass es in der Debatte um mehr geht als um Begriffe. Es geht auch um Identität und Machtansprüche einer Mehrheit gegenüber Minderheiten. Dabei schwingt die Annahme mit, man habe eine Art „Etabliertenvorrecht“ in Sachen „deutsche Sprachkultur“: In „seine“ Sprache lässt man sich von „Anderen“ nicht hineinreden – schon gar nicht, wenn diese Anderen vermeintlich nicht Teil des Eigenen sind (was sie nach dieser Logik jedoch auch nicht werden können). Es scheint in diesem Zusammenhang auch nichts auszumachen, dass mit dem Beharren auf die eigene Sprachfreiheit Anderen diese Freiheit abgesprochen wird. Eigene weiße Befindlichkeiten werden über die Tatsache gestellt, dass viele Menschen die gewaltvollen Auswirkungen bestimmter Begriffe tagtäglich zu spüren bekommen. Den Befindlichkeiten werden meist auch die Anstrengungen verschiedener Gruppierungen untergeordnet, die sich teils seit Jahrzehnten aufgrund eigener rassistischer und diskriminierender Erfahrungen für alternative (Selbst-)Bezeichnungen einsetzen (z. B. die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland).

Abwehrstrategie Nr. 3: Es wird darauf hingewiesen, dass sich „die Betroffenen“ doch selbst so nennen würden und die Bezeichnungen deswegen ja nicht so „schlimm“ sein könnten.

Tatsächlich kommt es vor, dass beispielsweise einige Schwarze Rapper_innen in ihren Songs das „N*-Wort“ verwenden. Oder sich Gruppen und Einzelpersonen als „Kanaken“ bezeichnen. Es gibt dafür unterschiedliche Gründe, die wir nicht für diejenigen beantworten können und wollen, die von den Zuschreibungen betroffen sind. Viele haben sich zudem bereits zur Thematik geäußert (z. B. hier, hier und hier). Zusammenfassend nur so viel: Auch in solchen Selbstbezeichnungen können sich herrschende und gesellschaftliche Sprachroutinen widerspiegeln. Es kann damit aber auch die Strategie verbunden werden, in die Offensive zu gehen, sich gegen die abwertende Bezeichnung durch Selbstaneignung dieser zu wehren – mit dem langfristigen Ziel, damit verbundene Sprachrassismen zu dekonstruieren. Bei einer solche Strategie ist allerdings entscheidend, wer sie anwendet bzw. wer hier spricht.

Trotzdem bleibt es unwahrscheinlich, dass die Gemüsehändlerin sich selbst als „Türkin“ bezeichnet, wenn sie nach ihrem Beruf gefragt wird.

Abwehrstrategie Nr. 4: Es wird behauptet, dass man bestimmte Bezeichnungen selbstverständlich nicht in den Mund nehmen würde, wären „betroffene Personen“ im Raum.

Eigentlich ist man sich hier also der diskriminierenden, nicht so ganz korrekten Konnotation seiner Sprache bewusst. Im Akt, diese „trotzdem“ und „unter uns“ zu verwenden, werden exklusive weiße Räume geschaffen. Unter den Anwesenden wird dabei ein (Sprach-)Konsens vorausgesetzt, mit diskriminierenden und rassistischen Zuschreibungen d’accord zu gehen, diese zu dulden bzw. zu decken. Ausschlüsse werden hierüber weiter gefestigt, bestehende (Sprach-)Herrschaftsverhältnisse weiter reproduziert. Zudem kann ein solcher Umgang mit der eigenen diskriminierenden und rassistischen Sprachpraxis negativen Einfluss darauf haben, „betroffene Personen“ in weiße Kreise – sei es im Freundeskreis, im Verein oder an der Arbeitsstelle – selbstverständlich miteinzubeziehen. Schließlich wären damit (sprachliche) Anstrengungen verbunden…

Neben diesen vier Abwehrstrategien beobachten wir aber auch ein gegenteiliges Phänomen. Es handelt sich hier um Situationen, in denen kritische Begriffsreflexionen auf Seiten einer meist bildungsprivilegierten Gruppe überraschend schnell Konsens in Form von kollektiver Empörung auslösen. Die Forderung nach einem kritischen Kanon der Migrationsbegriffe scheint hier dem Selbst- und Abgrenzungszweck zu dienen. Sie wird zugleich zum Statusmerkmal einer gebildeten Gruppe, die sich zu Herrschenden in der moralischen Arena über Sagbares und Nicht-Sagbares auftut („Wie du sagst noch ‚Farbiger‘? Das heißt doch ‚People of Color’!“). Manchmal wird diese Sprachsensibilität zusätzlich mit einer gewissen „Wohltätigkeitsattitüde“ zur Schau getragen. Den betroffenen Personen wird dann unterschwellig das Gefühl vermittelt, dankbar sein zu können, gerade nicht sprachlich diskriminiert zu werden. Dies schafft weitere subtile Formen des Ausschlusses und verweist zugleich auf mögliche Fallstricke in der Sprachdiskussion…

Eine Auseinandersetzung mit Bezeichnungen und Begriffen wirkt dann nachhaltig, wenn wir uns die Diskriminierungsverhältnisse und -strukturen bewusst machen, die sich in unserer Alltagssprache abgelagert haben. Welche historischen Kontinuitäten an gewaltvoller Ausgrenzung werden über Sprache sichtbar und in die Gegenwart getragen? Und wie werden durch Sprache diskriminierende und rassistische Diskurse aufrechterhalten, die auch darauf Einfluss nehmen, wie Staat und Gesellschaft handeln, wenn es um die vermeintlich „Anderen“ geht? Um diese Dynamiken und Wirkmechanismen zu identifizieren, muss sich auch der persönlichen Verstrickung in diese Verhältnisse bewusst gemacht werden. Dazu gehört, den Blick von den vermeintlich Anderen auf das Eigene zu richten – in diesem Fall: die Migrationsgesellschaft ohne Migrationsvordergrund.

Beim Eigenen ansetzen bedeutet dann auch, sich in der Diskussion um sprachliche Rassismen nicht im Kampf um das bessere Argument zu verlieren, sondern die (Diskriminierungs-/Rassismus-)Erfahrungen und -Gefühle Anderer anzuerkennen und als solche in der Debatte stehen und wirken zu lassen…

Auch stellt die Reflexion über einzelne Sprach- und Denkbausteine keinen singulären Akt dar, der einmal vollzogen und dann ad acta gelegt werden kann. Er muss von der Offenheit begleitet werden, sich sprachlich immer wieder neu irritieren zu lassen. Reibungen, die dabei entstehen, helfen, gängige Normalitätsvorstellungen in Frage zu stellen.

Sicher ist die Sprachdiskussion und -reflexion nur einer von vielen Schritten hin zu einem anti-diskriminierenden und anti-rassistischen Zusammenleben. In den kommenden Kolumnen wollen wir auf MiGAZIN weitere Aspekte und Gedanken hierzu teilen – wohlwissend, dass auch diese Gedanken sich in einem Zwischenraum befinden, die sich mit wandelnden gesellschaftlichen Realitäten überholen oder bereits überholt sind. In dem Fall hilft vor allem eins: wenn wir darauf hingewiesen werden.

Zum Thema:

// Susan Arndt und Nadja Ofuatey-Alazard (Hg.): „Wie Rassismus aus Wörtern spricht
// FAQ des „Braunen Mobs e.V.“
// Glossar der Neuen deutschen Medienmacher
// Erklärung und Forderungen der Neuen deutschen Organisationen

**Diese Kolumne ist zuerst auf www.migazin.de erschienen. Da dort zu Gunsten der Leserfreundlichkeit keine gendersensible Sprache verwendet wird, kann die Kolumne künftig auch auf  elalem in anderer Schreibweise nachgelesen werden.

***Weiß und schwarz bezeichnen hier nicht die Hautfarben von Menschen, sondern stehen für politische und gesellschaftliche Konstruktionen. Diese sind historisch gewachsen bzw. von einer Geschichte des Rassismus geprägt und beeinflussen die Position, die Menschen in der Gesellschaft einnehmen. Weißverweist in dem Sinne auf dominante gesellschaftliche Positionen und damit verbundene Privilegierungen, die meist unausgesprochen bleiben. (vgl. glokal e.V. und brauner mob)

One Comment on ““Teil I unserer Kolumne auf MiGAZIN.de: Diskriminierende und rassistische Sprachgewohnheiten – eine Selbstbeobachtung.”

  1. Katharina

    Ich denke, dass man da noch weiter denken muss… es werden ja nicht nur “Ausländer” etikettiert, sondern über jede Gruppe wird auf die eine oder andere abwertende Weise hergezogen. So grenzt sich eben der Mensch von anderen ab, um sich besser zu fühlen. Dem entgegen gehen kann man denke ich nur, wenn man an der Wurzel ansetzt, und sich selbst und andere respektieren lernt & damit als positives Beispiel voran geht, ehrlich und offen miteinander umgeht & wie ihr schon sagt bereit zu sein Reibungen entstehen zu lassen und anderer Standpunkte anzuerkennen/auf sich wirken zu lassen. Zu überlegen was einen anderen Menschen verletzen könnte, auch, wenn dieser Mensch nicht dabei ist, halte ich für sehr wichtig, denn auch dann kann einem selbst bewusst werden inwiefern man mit seiner Sprache andere ausgrenzt (und sich dann zu überlegen wieso man das überhaupt nötig hat)

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