Dokumentation: 20 Jahre nach dem rassistischen Brandanschlag in Solingen

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Am 29. Mai 1993 haben vier rechtsextreme Solinger Neonazis bei einem Brandanschlag auf das Haus der Familie Genç fünf Menschen ermordet und 14 weitere zum Teil lebensgefährlich verletzt. Hatice Genç, Hülya Genç, Saime Genç, Gürsün İnce und Gülüstan Öztürk starben bei dem rassistischen Anschlag. Ihnen und der gesamten Familie Genç ist eine aktuelle Dokumentation von Mirza Odabaşı gewidmet. In der Dokumentation kommen elf öffentliche Personen zu Wort, die ihre Eindrücke vom Erlebten schildern und auf die heutige Zeit hin, insbesondere die NSU-Morde, reflektieren.

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Am 29. Mai 1993 haben vier rechtsextreme Solinger Neonazis bei einem Brandanschlag auf das Haus der Familie Genç fünf Menschen ermordet und 14 weitere zum Teil lebensgefährlich verletzt. Hatice Genç, Hülya Genç, Saime Genç, Gürsün İnce und Gülüstan Öztürk starben bei dem rassistischen Anschlag. Ihnen und der gesamten Familie Genç ist eine aktuelle Dokumentation von Mirza Odabaşı gewidmet. In der Dokumentation kommen elf öffentliche Personen zu Wort, die ihre Eindrücke vom Erlebten schildern und auf die heutige Zeit hin, insbesondere die NSU-Morde, reflektieren.

Im Folgenden finden sich sowohl weiterführende Links zu den interviewten Personen, eine Auswahl an Zitaten sowie die Sprechzeiten pro Person in der Dokumentation (Min:…).

Mevlüde Genç

Mevlüde Genç, Hinterbliebene und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes am Bande (Min: 08:00-12:52)

// „Statt in den Kindergarten zu gehen, wurde sie in ein Leichentuch gewickelt. Nichts, gar nichts macht mehr Spaß. Du lebst zwar, doch so als seist du schon tot.“

// „Deshalb appeliere ich an alle: Seid vernünftig! Weder Geschrei, noch Wut, noch Bösartigkeit haben einen Sinn. Jeder Mensch soll glücklich leben. Wir sind hier alle nur Gäste auf der Erde. Nur wenn sich alle gut verstehen und mit Toleranz begegnen, kann der Mensch ein glückliches Leben leben.“


Mirza Odabaşı

Mirza Odabaşı, Regisseur der Dokumentation, auf der Reise (Min: 00:10-02:04, 07:35-08:00, 12:58-14:31, 22:10-22:31, 30:23-31:02)

// „Ich bin gezwungen mein Umfeld und mich mitzugestalten. Denn meine Liebe zu dieser Heimat ist stärker als der Hass derer, die glauben, dieses Land für sich gepachtet zu haben.“

// „Vergiss nicht,Thilo Sarrazzin ist kein Mitglied einer rechtsradikalen Partei.“

// „Deswegen frage ich: Wo ist die Linie in diesem Land gezogen? Wann wird dem Hass so viel Selbstbewusstsein gegeben, dass er gnadenlos eine Waffe auf einen Menschen richten kann? Wann wird der einzelne Funke zum Feuer?“

// „Eins muss ich noch loswerden: „Integration“. Dieser Begriff hat seine Gültigkeit für mich und meine Generation verloren. Ich muss nicht von halb durchdachter Politik und von lehren Floskeln darauf aufmerksam gemacht werden, mich irgendwohin zu bewegen, wo ich schon seit langer Zeit angekommen bin.“


Fatih Çevikkollu

Fatih Çevikkollu, Kabarettist und Schauspieler, Köln (Min: 02:04-02:45, 03:41-04:05, 06:19-07:34, 16:04-16:23, 17:16-17:41, 18:06-18:28, 18:59-19:22, 26:07-26:49)

// „Irritiert dich das, wenn ich jetzt ‘wir Deutsche’ sage?“

// „Und wenn sich das in dich hineinfrisst, dann musst du ganz schön viel Selbstvertrauen und Klarheit und Liebe und Vertrauen und Aufmerksamkeit [haben], um da hinzuschauen und nicht bekloppt zu werden. Und nicht um dich herumzuschlagen.“


Erci Ergün

Erci Ergün, Musiker der Gruppe„ Cartel“, Berlin (Min: 03:19-03:40, 04:40-05:15)

// „Um so mehr war unsere Wut und unser Anliegen, sozusagen, für unser Recht zu kämpfen. Das laut zu machen, was in vielen, vielen Menschen, türkischstämmigen Menschen in Deutschland abging. Man hatte damals nicht so ein Sprachrohr, man hatte nicht die Repräsentanten in der Politik, in den Medien, die jetzt für die gesamte Bevölkerung da irgendwie Wort ergreifen konnten. Das war so, es war noch ne andere Zeit einfach…“


Afrob

Afrob, Hip Hopper und Schauspieler, Stuttgart (Min: 04:06-04:39, 23:31-24:18, 25:15-25:36)

// „Was ich schon alles für Integrationsarbeit in meinem Leben leisten musste, ja, als einziger Schwarzer. Immer! Immer der einzige! In der Schule, im Fußballverein, auf der Straße…“

// „Jetzt haben die die Kanaken so radikalisiert, so zu Deutschen gemacht, dass sie krassere Deutsche sind, als die Deutschen. Lesen Bismarck und so, weißt Du.“


Cem Özdemir

Cem Özdemir, Vorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, Berlin (Min: 05:15-06:19, 19:24-19:52, 20:42-21:10)

// „Fünf Menschen sind umgekommen und man hat ihr [Frau Genc] damals gesagt – wir alle, ich auch – wir werden alles dafür tun, damit sich sowas nie wiederholt und dann sind zehn Leute umgebracht worden. Verfassungsschutz, Polizeien haben sagen wir mal optimistisch formuliert, katastrophal gearbeitet. Man könnte auch anderes dazu sagen. Bei manchen hat man auch ein Fragezeichen, auf welcher Seite sie eigentlich standen.“

// „Es gibt einen LKA-Bericht in Baden-Württemberg, der in ner Art pseudo-wissenchaftlichen Analyse festgestellt hat: für sowas kommen Deutsche nicht in Frage, weil das bei uns im Kulturkreis unüblich ist und man deutet damit an, das müssen auch schon’n paar Kanaken gewesen sein, also eben Menschen mit Migrationshintergrund gewesen sein.“


Michel Friedman

Michel Friedman, Rechtsanwalt, Kolumnist, Moderator (Min: 14:45-15:15; 15:37-16:03, 17:43-18:06, 18:29-18:58, 20:13-20.42)

// „Ich war in der Hinsicht nicht überrascht. Mich überrascht immer, wie überrascht andere sind, wenn diese subkutane braune Soße zu einem Gewaltakt in der Lage ist, der anscheinend alle so erschreckt und überrascht, obwohl diese braune Soße tagtägliche kleine Gealtakte ausübt, die dann eben die große Öffentlichkeit übersieht oder verdrängt.“

// „Und genau da ist die letztendliche Frage, die wir zu prüfen haben, wann beginnt der Rassismus? Wann beginnt die Diskriminierung? Wann beginnt die Gewalt gegen Menschen?“

// „Und zeigt noch einmal deutlich auf, dass die braune Soße in allen Schichten, in allen Bildungsschichten, in allen Altersschichten und in allen sozialen Schichten vorhanden ist. Das heißt es gibt ein großes, ernst zu nehmendes Problem in unserer Gesellschaft.“


Cem Gülay

Cem Gülay, Autor von „Kein Dönerland”, Hamburg (Min: 15:16-15:36, 19:53-20:13, 21:10-21:47)

// „Selbst für die Rassisten war es nicht normal!“

// „Man hat’s gewusst, ich hab’s gewusst, nach dem dritten Mord wusste ich, dass es Rechtsextreme sind und dass Menschen versuchen dich zu belügen.“

// „Warum wurde das nicht gestoppt? Warum? Das sind die Fragen. Vielleicht waren da Leute, die nicht wollten, dass das entdeckt wird. Eine Lektion zu erteilen. Warum? Warum machen sie das? So gemein können Leute doch eigentlich gar nicht sein.“


Patrick Salmen

Patrick Salmen, Autor, Kabarettist, deutschsprachiger Meister beim Poetry-Slam, Solingen (Min: 16:24-16:35, 23:10-23:30, 24:19-24:50, 25:37-26:06, 26:50-27:07)

// „Dann kommt da irgendwie Mesut Özil, der überhaupt nicht irgendwie Stereotyp steht; das ist einfach’n Sportler so. Und dann tun sie immer so, als [würde] der geliebt werden so. Ja klar, er wird angenommen, weil er erfolgreich ist so. Wenn er keine Tore schießt, dann sagen sie alle wieder so: ‘Ja komm, der scheiß Türke, was hat der denn in der Nationalmannschaft zu suchen“ (s. hierzu auch unsere Beiträge auf elelam zur Fußball-EM 2012: „Posen in Polen“, „Singen für ne D-Mark“ und „Applaus dem Appell“).

// „Ich fands letztens schön, was Schramm gesagt hat,Georg Schramm, sacht der: ‘Ob Deutsche oder Ausländer, letztendlich hat jeder das Recht Scheiße zu sein.“


Aykut Kayacık

Aykut Kayacık, Schauspieler und Regisseur, Berlin (Min: 16:36-17:01)

// „Dann hab ich meine erste Aufenthaltsbefristung nicht bekommen, weil in unserer Vierzimmerwohnung die Quadratmeterzahl im Mietvertrag gefehlt hat. [...] Und was für mich jetzt noch viel, viel schlimmer war: und auf der Karteikarte, war so in ganz rot,  mit großen Buchstaben draufgeschrieben so ‘Ausländer’.“


Zerrin Konyalıoglu

Zerrin Konyalıoglu, Autorin, Sprachwissenschaftlerin, Hamburg (Min: 17:02-17:15, 22:32-23:09, 24:50-25:14, 27:08-27:59)

// „Und ich frag mich manchmal, ob manche einheimische in Deutschland vielleicht von den Einwanderern mehr erwarten, dass sie mehr deutsch sind, als sie selber, weil sie es vielleicht nicht sein können?! [...] Es kann nicht sein, dass wir deutscher sein müssen, also viele andere Deutsche.“

// „Es gibt so’n Spruch: Je länger man an der Tür wartet, umso fremder wird man. Und ich würd sagen, gesellschaftliche stehen wir schon sehr lange in der Tür. So lange, dass jetzt schon einige wieder anfangen abzuwandern.“

// „Inzwischen muss man auch sagen, lebt ein ganzer Dienstleistungssektor von den Folgen der Nicht-Integration. Und leise kommen Zweifel auf, ob man wirklich Integration will, denn diese verschiedenen Einrichtungen leben nicht schlecht davon, von dem Problem.“


Solingen

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