„Die sind nicht unbedingt auf Schule orientiert“ – Artikel zu Ausprägungen von Rassismus an innerstädtischen Schulen Berlins

janne GrotemainLeave a Comment

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Rassistische Diskriminierung und Gewalt ist in Deutschland für viele Menschen nach wie vor eine Alltagserfahrung. In den letzten Jahren hat sich nicht nur der Verlauf der rassistischen Grenzen in dieser Gesellschaft verändert, sondern auch die Kämpfe um sie haben neue Formen, Ausdrucksweisen und Bewegungen hervorgebracht. Die gerade erschienene Ausgabe des Journals für kritische Migrations- und Grenzregimeforschung, movements, an der auch Ellen mit einem Beitrag beteiligt ist, thematisiert aktuelle rassistische Formationen in der Bundesrepublik und darüber hinaus. Es werden die komplexen Mechanismen analysiert, in denen Rassismus (re-)produziert wird – häufig, obwohl die damit verbundene Entrechtung und Diskriminierung im Namen von „Vielfalt“ oder „Willkommenskultur“ offiziell abgelehnt wird…

In ihrem Beitrag beschäftigt sich Ellen mit aktuellen Ausprägungen von Rassismus an innerstädtischen Schulen Berlins. Hier beobachtet sie, dass Rassismus sich im Kontext gegenwärtiger Bildungsreformen sowie ‚aktivierender’ Sozial- und Integrationspolitiken  auf vielfältige Weise in die Schule eingeschrieben hat.

Der Artikel, der auf der  Analyse politischer Dokumente sowie zahlreicher Interviews mit Lehrer_innen und Eltern aus weiterführenden Schulen in Berlin-Kreuzberg und -Neukölln basiert, geht den Fragen nach wie Diskriminierungsprozesse von Eltern und Schüler_innen mit Migrationsgeschichte in Schule und Politik begründet werden, wie dabei ein rassistisches Wissen um Familien mit Migrationsgeschichte  in neoliberale Argumentationen überführt wird und wie ein solches Wissen wiederum Einfluss auf die (Selbst-)Verständnisse und das alltägliche Handeln der Pädagog_innen sowie der betroffenen Eltern nimmt.

So zeigt sich am Beispiel der Diskursfigur der ‚Eltern mit Migrationshintergrund‘, dass Eltern, denen ein Migrationshintergrund zugeschrieben wird, häufig als ‚Risiko-Gruppe‘ sowie potentielle ‚Integrations- und Leistungsverweigerer‘ zur Schule und anderen Eltern positioniert und von staatlich-institutioneller Seite ‚regiert‘ werden. Im Rahmen der Analyse wird zudem deutlich, dass es im Kontext einer zunehmenden ‚Ökonomisierung des Sozialen‘ auf diskursiver sowie staatlich-institutioneller Ebene gelingt, beobachtete gesellschaftliche Ungleichheitsverhältnisse über die Kulturalisierung von Integrations-, Lern- und Leistungsbereitschaft zu begründen und so einer Privatisierung und Verundeutigung rassistischer Diskriminierungsprozesse im Kontext der Schule Vorschub zu leisten. Dies hat nicht nur Auswirkungen auf allgemeine gesellschaftliche Verständnisse von Solidarität und Teilhabe, sondern auch auf die betroffenen Eltern und Schüler_innen. Durch die Normalisierung von Rassismus wird es für sie zunehmend schwierig, die Ausprägungen von Rassismus überhaupt zu (be)greifen, geschweige denn sich diesen zu entziehen…

Auch die anderen Autor_innen der Ausgabe setzen sich „mit Blick auf unterschiedliche institutionelle und gesellschaftliche Felder mit hegemonialen Diskursen und alltäglichen Praktiken auseinander, die für die Reproduktion rassistischer Verhältnisse in der postmigrantischen Gesellschaft zentral sind. Sie zeigen, wie Grenzen der Zugehörigkeit infrage gestellt, re-artikuliert und neu produziert werden“ – sei es im Kontext der Schule, der Universität, der Grenzkontrolle oder des Wohnungsmarktes. Hierbei konzeptualisieren die Forschungsarbeiten „die institutionalisierten Kontexte als Aushandlungsräume und Konfliktzonen, in denen um rassistische Artikulationen, Differenzierungs- und Markierungspraktiken wie auch nicht-rassistische Umgangsweisen gerungen wird und Versuche des Entziehens und der offensiven Kritik sichtbar werden, die wiederum eine rassistische Neuartikulation hervorrufen…“ (aus der Einleitung der movements-Ausgabe, vgl. Espahangizi/Hess/Karakayali et al. 2016).

Die Beiträge können online open access gelesen sowie in Buchversion über den transcript-Verlag oder im Buchhandel bezogen werden.

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