i-Slam: Kanakisierung oder was? – wenn „Dr. Ali“ die Hasspredigt hält

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„Verehrte Gemeinde, herzlich willkommen in unserer Hass‘an-Moschee. Das Thema der heutigen Freitagspredigt lautet: Wie hasst man richtig? Ich muss immer wieder feststellen, dass das einige von euch noch nicht so richtig beherrschen. Die Angebote unserer Moschee sind breit gefächert und nicht nur für unsere Männer attraktiv; nein auch für unsere Frauen und Kinder gibt es Angebote…“

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„Verehrte Gemeinde, herzlich willkommen in unserer Hass‘an-Moschee. Das Thema der heutigen Freitagspredigt lautet: Wie hasst man richtig? Ich muss immer wieder feststellen, dass das einige von euch noch nicht so richtig beherrschen. Die Angebote unserer Moschee sind breit gefächert und nicht nur für unsere Männer attraktiv; nein auch für unsere Frauen und Kinder gibt es Angebote…“

Was auf diese Einleitung folgt, ist eine „Hasspredigt“ von Dr. Ali Özgür Özdil – Islamwissenschaftler, Freitagsprediger und Direktor des Islamischen Wissenschafts- und Bildungsinstituts in Hamburg – wie sie schöner nicht in der Bild-Zeitung stehen könnte: Der Imam Dr. Ali Özgür Özdil ruft seine Gemeinde zum Steinewerfen auf. Er wirbt für den Studiengang „Djihad“ in Afghanistan und „entdeckendes Lernen“ in der Schweineschlachterei. Und Imam „Hassans“ Publikum feuert ihn an, hängt an seinen Lippen. Bis hierhin stimmt soweit alles. Nur, dass „Dr. Ali“ nicht in der Moschee steht, sondern auf der Bühne des i-Slam im Thalia-Theater…

Özdils „Hasspredigt“ ist Reaktion, Kritik, Antwort und Lösungsstrategie zugleich:

  • eine Reaktion auf immer wiederkehrende Vorurteile, Stereotype und Diskriminierungserfahrungen gegenüber Muslimen und Musliminnen, indem er sich diese Bilder
    für den Moment zu eigen macht und sie als Prediger (Hodscha) – nicht ohne Hintergedanken – reproduziert,
  • eine Kritik, weil er verlangt, dass zwischen kulturellen und religiösen Handlungsmustern getrennt werden muss,
  • eine Antwort, weil er Vorurteile und Anfeindungen ins Absurde und Lächerliche zieht und den Vorurteilsbelasteten den Spiegel vorhält,
  • eine Lösungsstrategie, weil er diejenigen, die solche Vorurteile aussprechen oder in sich tragen, die Möglichkeit eröffnet, über sich und ihre Stereotype zu lachen und sie auf diese Weise vielleicht sogar abzubauen. Und indem er zugleich Muslime und Muslima bestärkt, verschafft er ihnen eine gemeinsame Identität, nicht als die Gemeinde der Hassprediger, sondern als die von absurden Vorurteilen und Anfeindungen Betroffenen. Özdil erklärt zugleich bestimmte Handlungsmuster – die Tochter zum Kopftuch zwingen, die Ehefrau zum Putzen und Einkaufen – für illegitim, indem er sie lächerlich macht.

Insgesamt eine Persiflage also, „Dr. Hassans Hasspredigt“, die zur Neubestimmung von Sinn und Unsinn genutzt werden kann. Und zugleich eine Form, um als betroffene Person oder Personengruppierung mit negativ konnotierten Zuschreibungen (Stereotypen, Vorurteilen, Diskriminierungen, Rassismen) umzugehen. Özdils kritische Verspottung ist nicht unumstritten. Neigt die Persiflage schließlich dazu, stereotype Bilder in geballter Form zu wiederholen. Da werden die Vorurteile noch einmal ins Bewusstsein gerufen, anstatt dass man/frau alternative Bilder anbietet.

Was Dr. Özdil da liefert, ist eine rhetorische Abwehrreaktion unter vielen. Denkt man da zum Beispiel an die Euphemismus-Tretmühle. „PC – Political Correctness“ kann man dazu auch sagen. Da werden neue oder alternative Begriffe für etwas ins Leben gerufen, die die alten und oftmals negativ belasteten ersetzen sollen. Das Dilemma besteht dann oft darin, dass alternative Begriffe nicht oder nur sehr langsam und mühsam etwas an den Umständen, Strukturen und gesellschaftlichen Ungleichheiten ändern, die mal zu der negativ-konnotierten Bezeichnung geführt haben. Der Effekt: Der neue Begriff nimmt nach einiger Zeit die alten negativen Konnotationen wieder an, woraufhin er wieder und wieder ersetzt werden muss.

Zum Beispiel wurde das Wort „behindert“ schon bald nach seiner Übernahme aus dem medizinischen Fachjargon in die Alltagssprache für viele Menschen zum Schimpfwort, wie das zuvor beim „Krüppel“ geschah. So entstand die Bezeichnungskette Krüppel → Invalide → Behinderter → Mensch mit Behinderung. Im Englischen wird als Nachfolgebegriff für „behindert“ (engl. disabled; wörtl. „entfähigt“) der Ausdruck „anders befähigt“ (engl. differently-abled) diskutiert – was im Deutschen bisher nicht gebräuchlich ist. Stattdessen versucht man hier den Begriff „Mensch mit besonderen Bedürfnissen“ zu etablieren.

alternativer Titel

„Dr. Alis“ Hasspredigt erinnert aber auch irgendwie an die Aneignungsstrategie von „Kanak Attak“, ein Zusammenschluss von Menschen in Deutschland, die als „Kanaken“ beschimpft wurden und sich daraufhin selbst „Kanaken“ nannten.

Im Lexikon wurden als „Kanaken“ [polynes., „Menschen“] mal die Bewohner von Hawaii bezeichnet oder die Südseebewohner im allgemeinen. Tatsächlich war „Kanake“ im späten 19. Jahrhundert in der Version „Kannakermann“ oder „Kannaker“ auch mal positiv besetzt: Deutsche Seemänner nannten ihre Kameraden aus der Südsee so, die in der Regel als sehr zuverlässig und treu galten. Seit den 1970ern, der  Anwerbung von ArbeitsmigrantInnen aus den südlichen Ländern durch die Bundesrepublik Deutschland wurde „Kanake“ dann Schimpfwort. Als solches war es irgendwann salonfähig für alle, die aussahen, als kämen sie aus „dem Süden“. Die antirassistische Initiative „Kanak Attak“ hat die positive Bedeutung des Begriffs dann zurückerobert. Damit will sie die „Kanakisierung bestimmter Gruppen von Menschen durch rassistische Zuschreibungen mit allen ihren sozialen, rechtlichen und politischen Folgen“ angreifen. So die Initiative selbst. „Kanake“ wurde damit offensive Selbstbezeichnung der gesellschaftlichen Außenseiter. Die sprachliche Wendung eines stigmatisierenden Begriffs ins Positive also. Ähnlich wie bei „Schwuler“ oder „Nigger“. Kennzeichnung, um sich einer selbstbewussten „Kultur zwischen den Kulturen“ zuzuordnen…(siehe hierzu den Beitrag von Mark Tekessidis.)

alternativer Titel

Diese Strategie der Aneignung motiviert manchmal Nicht-Betroffene dazu, selbst Begriffe wie „Kanake“ oder „Nigger“ in den Mund zunehmen – nach dem Motto: wenn „die“ sich selbst so nennen, ist es nur legitim, wenn ich die Begriffe auch verwende. Dabei wird dann nicht verstanden, dass der Ursprung der Aneignung kein freiwilliger Akt war, sondern eine Reaktion auf teilweise massive Anfeindungen und Ausgrenzungen, es sich also um einen Kampf gegen den Begriff und die damit verbundenen Sinnzuschreibungen und Strukturen handelt. Die Aneignung bleibt also (erst einmal) den Betroffenen selbst vorbehalten.

In diesem Sinne, zuletzt noch eine wichtige Ankündigungen:

Wir haben am Sonntag nach dem Mittagsgebet eine Zwangsheirat, die wir mit der Gemeinde feiern wollen. Dazu sind alle – natürlich nach Geschlechtern getrennt – eingeladen. Ihr seht, wir machen bombenmäßige Angebote und freuen uns über jeden, der vor Begeisterung in die Luft geht. Mit hasserfüllten Gefühlen verabschiede ich mich für heute und hoffe euch kommende Woche wieder, aber dann mit noch mehr Wut und Aggression, in unserer Hassan-Moschee begrüßen zu dürfen.Dr. Ali Özgür Özdil – Islamwissenschaftler, Freitagsprediger und Direktor des Islamischen Wissenschafts- und Bildungsinstituts in Hamburg

Dann beendete er seine Predigt, wie nach jeder Freitagspredigt mit den Worten Gottes, des Erhabenen, mit:إِنَّ اللّهَ يَأْمُرُ بِالْعَدْلِ وَالإِحْسَانِ وَإِيتَاء ذِي الْقُرْبَى وَيَنْهَى عَنِ الْفَحْشَاء وَالْمُنكَرِ وَالْبَغْيِ يَعِظُكُمْ لَعَلَّكُمْ تَذَكَّرُونَ. Das bedeutet: „Wahrlich, Allah gebietet, gerecht zu handeln, uneigennützig Gutes zu tun und freigebig gegenüber den Nächsten zu sein; und Er verbietet, was schändlich und abscheulich und gewalttätig ist. Er ermahnt euch, auf dass ihr es beherzigt.”

Mit herzlichem Dank an Dr. Ali Özgür Özdil für die Bereitstellung seines Dokuments

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One Comment on ““i-Slam: Kanakisierung oder was? – wenn „Dr. Ali“ die Hasspredigt hält”

  1. Marsianermitmigrationshintergrund

    “Der Seele wurden eigene Ohren gegeben,
    um die Dinge zu hören, die der Verstand nicht versteht.” Rumi

    Danke dafür! Konnte mir das Lächeln an einigen Stellen nicht verkneifen ;)

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