Tagungsdokumentation: Institutioneller und struktureller Rassismus in Deutschland

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Die Türkische Gemeinde Deutschland (TGD), das Jüdische Museum Berlin, der British Council und die Heinrich-Böll-Stiftung haben sich am 22. November 2012 in einer öffentlichen Veranstaltung dem Thema des institutionellen und strukturellen Rassismus angenommen. Die Veranstaltung wurde video-dokumentiert und steht zur freien Verfügung. Vier lehrreiche Stunden auf der Höhe der Zeit, die im Folgenden angesehen werden können.

“Diskriminierung wird zumeist in einem ‚minimalistischen’ Verständnis als Resultat von Vorurteilen einzelner Personen oder relativ klar einzugrenzender sozialer Gruppen definiert. Dabei wird vielfach unterstellt, diskriminierende Praktiken stellten eine Art ‚Unfall’ dar – eine Ausnahmeerscheinung in einer gesellschaftlichen Praxis, in der demokratische Prinzipien der Fairness und Meritokratie die Regel sind. Der aus den USA und Großbritannien stammende Begriff ‚institutionelle Diskriminierung’ lenkt dagegen den Blick auf die sozialen Prozesse, welche Rassismus oder Sexismus ermöglichen und hervorbringen, verfestigen oder verdecken. Das Wort ‚institutionell’ lokalisiert die Mechanismen der Diskriminierung v.a. im organisatorischen Handeln zentraler gesellschaftlicher Institutionen.” (Gomolla 2013)**

Teil 1: Begrüßung und Einführung in die Thematik (120 Min)

  • Mekonnen Mesghena, Heinrich-Böll-Stiftung
  • Kenan Kolat, Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland
  • Sanem Kleff, Leiterin Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage
  • Dr. Mark Terkessidis, Journalist, Autor, Psychologe und Migrationsforscher: „Institutionalisierter und struktureller Rassismus – Definitionen und Beschreibung des Phänomens – Eine wissenschaftliche Perspektive“
  • Tahir Della, Vorsitzender Initiative Schwarze Menschen in Deutschland: „Rassismus in Deutschland – Eine zivilgesellschaftliche Perspektive“
  • Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes: „Strukturelle und institutionelle Benachteiligung in der Deutschland? – Eine staatliche Perspektive“

Teil 2: Institutioneller Rassismus in Großbritannien (60 Min)

  • Dr. Richard Stone: Mitarbeiter am britischen MacPherson-Bericht, der zum einen den rassistisch motivierten Mord am schwarzen britischen Jugendlichen Stephen Lawrence von 1993 aufdeckte und zugleich den institutionellen Rassismus der im Fall beteiligten PolizisitInnen und RichterInnen dokumentierte: „Institutionalisierter Rassismus in Großbritannien“

Teil 3: Podiumsdiskussion (57 Min)

Institutionelle Diskriminierung – zunehmend auch ein Thema in Deutschland

„Die Thematisierung von institutioneller oder struktureller Diskriminierung – etwa mit Bezug auf die Arbeitsweisen staatlicher Sicherheitsorgane, die unterdurchschnittlichen Bildungserfolge von Heranwachsenden aus minorisierten ethnischen oder nationalen Gruppen oder die Exklusionsmechanismen im Beschäftigungssystem – irritiert gewohnte Sichtweisen von Rassismus, Sexismus oder Diskriminierungen ‚behinderter’ Menschen. Solche Verwerfungen werden zumeist in einem ‚minimalistischen’ Verständnis als Resultat von Vorurteilen einzelner Personen oder relativ klar einzugrenzender sozialer Gruppen definiert (z.B. rassistische oder rechtsextremistische Orientierungen sozio-ökonomisch randständiger Jugendlicher). Dabei wird vielfach unterstellt, diskriminierende Praktiken stellten eine Art ‚Unfall’ dar – eine Ausnahmeerscheinung in einer gesellschaftlichen Praxis, in der demokratische Prinzipien der Fairness und Meritokratie die Regel sind.

Der aus den USA und Großbritannien stammende Begriff ‚institutionelle Diskriminierung’ lenkt dagegen den Blick auf die sozialen Prozesse, welche Rassismus oder Sexismus ermöglichen und hervorbringen, verfestigen oder verdecken. Das Wort ‚institutionell’ lokalisiert die Mechanismen der Diskriminierung v.a. im organisatorischen Handeln zentraler gesellschaftlicher Institutionen (z.B. Polizei, staatliche Sicherheitsbehörden, Gerichtsbarkeit, Bildungs- und Ausbildungssektor, Beschäftigungssystem, Wohnungsmarkt, Gesundheitsversorgung, etc.).

Dieses umfassendere Verständnis von Diskriminierung hat in Deutschland durch die Antidiskriminierungsrichtlinien der Europäischen Union und das 2006 verabschiedete bundesdeutsche Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) politische und rechtliche Bedeutung gewonnen. So unterscheidet das AGG zwischen unmittelbarer und mittelbarer Diskriminierung von Menschen aufgrund der – wie in §1 aufgeführt wird – Rassifizierung von Personen, der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität. Mittelbare Diskriminierung bzw. Benachteiligung wird im AGG wie folgt bestimmt: „Eine mittelbare Benachteiligung liegt vor, wenn dem Anschein nach neutrale Vorschriften, Kriterien oder Verfahren Personen wegen eines in §1 genannten Grundes gegenüber anderen Personen in besonderer Weise benachteiligen können…“ (vgl. AGG § 3, Abschnitt 2). Damit werden Ungleichheitseffekte – auch ohne von unmittelbar diskriminierenden Absichten und Einstellungen identifizierbarer Akteure auszugehen – mit institutionellen Handlungskontexten als Problemursache in Beziehung gesetzt.“**

Weiterführende Informationen zur Institutionellen Diskriminierung finden sich auch im folgenden Sammelbandbeitrag: Gomolla, Mechtild (2010): Institutionelle Diskriminierung. Neue Zugänge zu einem alten Problem. In: Hormel, Ulrike/ Scherr, Albert (Hrsg.): Diskriminierung. Grundlagen und Forschungsergebnisse. Wiesbaden, S. 61-93.

** Die ergänzenden Inhalte zum Thema (nächste Seite) sind mit freundlicher Erlaubnis einem Beitrag von Prof. Mechtild Gomolla entnommen. Der Orgninaltext findet sich hier