Protestrede: „Ich würde euch halt bitten, mir zuzuhören!“

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„Richtet eure Augen auf mich, ich hab auf diesen Moment 20 Jahre lang gewartet. Und ich möchte, dass ihr mir zuhört, weil‘s wichtig ist. Nicht nur für mich, sondern möglicherweise auch für euch“, so Kien Nghi Ha in seiner zwölfminütigen Rede am Samstag, 25. August, auf der Gedenkveranstaltung und Demonstration gegen Rassismus in Rostock-Lichtenhagen. Wir wollen der Aufforderung nachkommen und hören dem Gastprofessor des Asien-Orient-Instituts der Universität Tübingen zu:

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„Richtet eure Augen auf mich, ich hab auf diesen Moment 20 Jahre lang gewartet. Und ich möchte, dass ihr mir zuhört, weil‘s wichtig ist. Nicht nur für mich, sondern möglicherweise auch für euch“, so Kien Nghi Ha in seiner zwölfminütigen Rede am Samstag, 25. August, auf der Gedenkveranstaltung und Demonstration gegen Rassismus in Rostock-Lichtenhagen (s. unseren Beitrag „Das Problem heißt Rassimus – 20 Jahre nach Rostock-Lichtenhagen“). Wir wollen der Aufforderung nachkommen und hören dem Gastprofessor des Asien-Orient-Instituts der Universität Tübingen zu:

Rostock steht für Ha „nicht nur als Chiffre für die Gewalt, die von einem rassistischen Mob ausging, sondern auch für ein institutionelles Versagen – das macht es vergleichbar mit den NSU-Morden. (…) Denn das Pogrom in Rostock wurde benutzt, um das Asylrecht de facto auszuhebeln“, so Ha in einem Interview für die taz im Anschluss an das Gedenk- und Demonstrationswochenende. „Eine Integrationspolitik, die ihre proklamierten Ziele ernst nimmt“ muss deshalb versuchen, „alle Formen der strukturellen Diskriminierung und des institutionellen Rassismus zu beseitigen.“

Ha, der als Deutsch-Vietnamese unter anderem über die vietnamesische Diaspora in Deutschland forscht, spricht auch über die deutsch-vietnamesische Community im Osten. Diese ist durch die Erlebnisse in Rostock stark traumatisiert worden. Ihr fällt es auch deshalb schwer, zu „einer eigenen Stimme“ zu finden:

“Diese Gewalterfahrung ist für die Vietnamesen in Ostdeutschland kaum zu ignorieren und hat ihre Migrationserfahrungen stark geprägt. Dagegen sind viele vietnamesische ‚Boat People’ für die Aufnahme in Deutschland so dankbar – da dies für sie Rettung und gesellschaftlicher Aufstieg bedeutet, dass sie die rassistische Dimension der deutschen Gesellschaft nicht sehen und sich auch nicht mit den Opfern des Rassismus solidarisieren. Im Bemühen, die eigene Integration nachzuweisen und aus Angst negativ aufzufallen, wird ein verklärtes Deutschlandbild konstruiert.”

Die Haltung bei vielen Vietnamesen ist: Wenn wir uns politisch passiv und freundlich verhalten, dann bieten wir keine Angriffsfläche. Das ist eine kulturelle Überlebensstrategie. Aber diese ständige Unterordnung hat ihren Preis, denn sie führt dazu, dass man sich klein macht und seine Interessen verleugnet.Kien Nghi Ha, 25.08.2012, Rostock-Lichtenhagen

In den Antworten finden wir eine Parallele zur Ein- und Ausgrenzungslogik, die wir schon im elalem-Artikel zu Balotelli und zur Nationalhymnenpflicht beschrieben haben. Es ist der soziale Druck, sich als Deutsche/r mit Migrationshintergrund oder Neuzugewanderte/r „konform“ zu verhalten. „Konformität“ wird dann meist so ausgelegt, dass man sich möglichst „unauffällig“, „(über)angepasst“ oder auch „unkritisch“ verhält, um der von vermeintlich oder unvermeintlich auf deutsch-deutscher Seite geforderten Dankbarkeit für die „Aufnahme“ im „fremden“ Land gerecht zu werden. So will man möglichst wenig Irritation erzeugen, indem man seine Rechte nicht einfordert, Wünsche und Interessen nicht äußert – ist schließlich bereits im „konformen“ Zustand die gleichberechtigte Zugehörigkeit ungewiss und in Frage gestellt.

Einige mögen denken: Ein Thema, dass die deutsch-vietnamesischen MigrantInnen doch eigentlich nicht betreffen kann. Schließlich sind die „vorbildlich integriert“  – von wegen überdurchschnittlicher Bildungserfolg und so. Auch das ein Klischee von „Modellminoritäten“ und sogenannten „Vorzeigemigranten“, das sich nach Ha in den letzten Jahren durchgesetzt hat und gerne von konservativen PolitikerInnen und JournalistInnen genutzt wird. Nach Ha aber kein Grund davon auszugehen, dass Menschen mit vietnamesischem Migrationshintergrund nicht von Diskriminierung betroffen sind:

Es ist aber eine Fiktion zu glauben, Vietnamesen seien pauschal ‚gut integriert’ und besonders wenig von Rassismus betroffen. Sie sind dann weniger davon betroffen, wenn sie einen bestimmten sozialen Status erlangt haben, sich politisch unterordnen und kulturell nicht als Störfaktor auftreten. Aber Alltagsrassismus macht vor Vietnamesen nicht Halt.Kien Nghi Ha, 25.08.2012, Rostock-Lichtenhagen

„Positiv“ aufzufallen, keine Angriffsfläche zu bieten, sich dem Stereotyp der „Bildungsgewinner“ zu fügen und damit wohlmeinend zur Kenntnis genommen zu werden, muss damit noch keine Akzeptanz von Teilen der Gesellschaft bedeuten, muss auch kein Zeichen für so etwas sein, das gemeinhin als „Integration“ bezeichnet wird. Denn:„alle Bemühungen und auch eine erfolgreiche Bildungskarriere garantieren nicht, dass man als vollwertiger Teil dieser Gesellschaft akzeptiert wird und nicht immer wieder an gläserne Decken stößt.”

Ein Grund, für Ha auf die Straße zu gehen, sich mit Gruppierungen, die von Rassismus betroffen sind, zu solidarisieren – diese dabei aber auch nicht zu vergessen, miteinzubeziehen und selbst zu Wort kommen zu lassen, so seine Kritik an der Mobilisierung zur Gedenk-Demonstration in Lichtenhagen:

„Ich finde es Schade, dass keine Einbindung von migrantischen Organisationen, von schwarzen Organisationen, von People-of-Colour-Organisationen, versucht wurde. Es gibt zum Beispiel ‚the Voice’, die Karawane für Flüchtlinge, es gibt den Migrationsrat in Berlin-Brandenburg, es gibt den ‚Türkischen Bund‘ mit seinem Anti-Diskriminierungsnetzwerk. Das sind alles potentielle BündnispartnerInnen. Dann wäre diese Demo heute noch kraftvoller, noch hybrider, noch viel viel besser. Und das ist glaube ich etwas, was wir für die Zukunft lernen müssen. Raus aus dem weißen Einheitsbrei.“

Ich bin hier, weil Ihr hier seid. Ich bin hier, weil wir hier sind. Ich bin hier, weil Du da bist. Ich bin hier, weil es Menschen gibt, die keine Angst haben. Ich bin hier. Ihr seid hier mit mir.Kien Nghi Ha, 25.08.2012, Rostock-Lichtenhagen

Vielen Dank für alle Hinweise auf Artikel, Radio- und Fernsehbeiträge sowie Kommentare, die ihr uns in den letzten Tagen zu diesem Thema habt zukommen lassen!

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