Interview zu Schulprojekt: “Hi Hater!”

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Fidelis Amo-Antwi lebt in Hamburg. Er studiert Englisch und Sozialwissenschaften auf Lehramt. Als Singer-Songwriter ist er in Hamburg unter dem Namen ‚Bursty Burst‘ bekannt, er teilte sich die Bühne schon mit Nneka, Yakoto, Joy Denalane, Erykah Badu und den Fantastischen Vier. Dass sich Lehramtsstudium und Künstlerdasein nicht im Weg stehen müssen, wurde Anfang 2012 bewiesen. Über die Initiative der Lehrerin Susanna Stelljes ist an der Geschwister-Scholl-Stadtteilschule (GSST) im HamburgOsdorf ein mehrwöchiges Songwriting-Projekt entstanden, in dem die SchülerInnen der Klasse 11a ihrer Identitätsfindung im Englischunterricht Ausdruck verleihen sollten. Im Anschluss an das Projekt ist in Eigenregie des 17-jährigen Schülers Daniel Tayler der Song „Hi Hater“ entstanden, in dem er sich in den “Hatern” dieser Welt entgegenstellt. Tausende haben seitdem sein Video auf Youtube geklickt. Wir haben Fidelis gefragt, was es mit Daniels Song und dem dahinter stehenden Schulprojekt auf sich hat…

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Fidelis Amo-Antwi lebt in Hamburg. Er studiert Englisch und Sozialwissenschaften auf Lehramt. Als Singer-Songwriter ist er in Hamburg unter dem Namen ‚Bursty Burst‘ bekannt, er teilte sich die Bühne schon mit Nneka, Yakoto, Joy Denalane, Erykah Badu und den Fantastischen Vier. Dass sich Lehramtsstudium und Künstlerdasein nicht im Weg stehen müssen, wurde Anfang 2012 bewiesen. Über die Initiative der Lehrerin Susanna Stelljes ist an der Geschwister-Scholl-Stadtteilschule (GSST) in „Osdorf“ ein mehrwöchiges Songwriting-Projekt entstanden, in dem die SchülerInnen der Klasse 11a ihrer Identitätsfindung im Englischunterricht Ausdruck verleihen sollten. Im Anschluss an das Projekt ist in Eigenregie des 17-jährigen Schülers Daniel Tayler der Song „Hi Hater“ entstanden, in dem er sich in den “Hatern” dieser Welt entgegenstellt. Tausende haben seitdem sein Video auf Youtube geklickt (s. oben). Wir haben Fidelis gefragt, was es mit Daniels Song und dem dahinter stehenden Schulprojekt auf sich hat…

Es gibt seit Kurzem dieses ziemlich professionell gemachte Musikvideo von Daniel Tayler und seinem Song “Hi Hater” auf Youtube zu sehen. Wir wissen, dass er in deinem Songwriting-Projekt an der GSST war. Worum ging es da genau?

Ich kenne Susanna, die Lehrerin der Stadtteilschule, durch das Horizonte-Stipendienprogramm der Hertie-Stiftung für angehende Lehrkräfte mit Migrationshintergrund. Irgendwann sind wir auf die Idee gekommen, Songwriting und Englischunterricht in einem Unterrichtsprojekt zu verbinden. In der Vorbereitung haben wir gemerkt, dass wir scheinbar die Ersten sind, die so eine Idee hatten – zumindest gibt es bisher kaum Material, mit dem wir im Rahmen dieses Projektes hätten arbeiten können. Wir mussten das Konzept also sowohl inhaltlich als auch methodisch völlig neu auf die Beine stellen. Bis zur Umsetzung ist dementsprechend viel Zeit vergangen.

Wie frei wart Ihr denn bei der inhaltlichen Ausgestaltung des Projekts?

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Solche Projekte müssen in den Lehrplan eingearbeitet werden. In unserem Fall passte das aber gut, denn im Englischunterricht der Klasse 11 soll das Thema „Identität“ aufgegriffen werden – für ein Musikprojekt und zum Texten ein optimales Thema, das den Jugendlichen viel Freiraum gibt, über sich oder Dinge zu schreiben und nachzudenken, die sie beschäftigen oder in der Vergangenheit beschäftigt haben. Das Projekt selbst haben wir dann in zwei Phasen geteilt. Erst stand Einzelarbeit im Fokus, bei der die Schüler ihre eigenen Texte und Ideen zu Papier bringen sollten. Der nächste Schritt bestand dann aus einer Gruppenarbeitsphase, in der die Schüler im Teamwork ihre Texte zu einem gemeinsamen ‚Produkt‘ verarbeiten sollten.

Und wie lief das?

Wir hatten zunächst Bedenken, wie die Schüler auf unsere Idee reagieren würden. Insgesamt ist das Projekt aber gut angelaufen, auch wenn es ein paar kritische Momente gab, in denen sich einzelne Schüler gegen die Aufgabenstellung gewehrt haben. Wir mussten im Prozess auch selbst erst lernen, wie wir unser Ziel am besten vermitteln und die Schüler für das Schreiben von englischen Texten motivieren können. Im Laufe der Zeit entwickelte sich eine Eigendynamik, die wir so nicht hätten planen können. Es gab beispielsweise eine Gruppe, die sich in ihrer Freizeit getroffen hat, um ihr Projekt voranzuschieben (Anm.: es war die Gruppe von Daniel Tayler). Es war dabei beeindruckend zu sehen, wie die Schüler das Projekt plötzlich als Möglichkeit begriffen, ihre Kreativität auszuleben. Zu beobachten, wie sie in ihrer Gruppe mehr und mehr zusammenwuchsen und sich auch vermeintlich ‚unmusikalische‘ Schüler innerhalb kurzer Zeit frei fühlten, ihre Ideen in die Gruppe einzubringen, war einfach genial.

Hattet Ihr im Laufe des Projekts denn das Gefühl, die SchülerInnen über Durststrecken hinweg motivieren zu müssen?

Ursprünglich hatten wir die Vorstellung, mit allen Schülern am Ende des Projekts in ein Tonstudio zu gehen. In einer offenen Debatte mit den Schülern wollten die dann aber viel lieber einen Battle aus dem Projekt machen, an dessen Ende die Studioaufnahme für die ‚beste Gruppe‘ stehen sollte. Wir haben uns darauf eingelassen, auch um den Schülern Raum zur Mitgestaltung des Projekts zu geben. Letzten Endes stand dann als Gewinn eine Songproduktion mit dem Hamburger Musikproduzenten und Dozenten der Deutschen Pop-Akademie ‚DJ Static‘, der seine Studiopforten für uns öffnen sollte. Die Hertie-Stiftung fand das Projekt und die Idee einer Studioaufnahme so gut, dass sie es dankenswerter Weise finanzierte.

Und wie hast du Daniel Tayler während der Projektphase wahrgenommen?

Ehrlich gesagt fiel er mir zu Beginn des Projekts nicht besonders auf. Er wirkte gelangweilt, hing oft mit verschränkten Armen in seinem Stuhl. Obwohl er von seiner Erscheinung her nicht den Eindruck eines Underdogs machte, empfand ich ihn eher als ruhigen und zurückhaltenden Schüler. Eine Wende gab es dann, als es nach den ersten Inputsequenzen an die eigene Textproduktion ging. Daniel ist hier total aufgeblüht – auch weil er seinen Musikstil frei wählen konnte. Er war dann voll in seinem Metier. Nicht nur textlich, sondern auch als Gruppenleader hat er seine Mitstreiter angespornt, sich sogar mit ihnen in der Freizeit getroffen, um seine Skills weiterzureichen. So richtig kam Daniels Rap-Talent dann bei der finalen Gruppen-Präsentation zur Geltung. Alle waren ziemlich baff und beeindruckt. Bei der anschließenden gemeinsamen Wahl der ‚besten‘ Gruppe lag die Performance von Daniel und seinen Mitstreitern dann ganz klar vorne. Sie durften dann ins Studio zu ‚DJ Static’.

Was geht Dir durch den Kopf, wenn Du jetzt das Video von ihm siehst?

Es wäre schlicht gelogen, wenn ich nicht ein gewisses Maß an Stolz empfinden würde. Ich freue mich wahnsinnig, dass er sein Talent weiterverfolgt und so produktiv ist. Der Lerneffekt durch intrinsische Motivation wird hier beispielhaft vorgelebt. Das wichtigste im Leben für mich ist, dass man Dinge tut, die einem Energie geben und einem das Gefühl vermitteln, dass man selber etwas bewegen kann, auch ohne viel Kohle und große Titel und so. Hier scheint Daniel auf einem guten Weg zu sein. Die Tatsache, dass er nicht nur sein Ego befriedigt, sondern Schüler aus anderen Klassen und Stufen in sein Video einbezieht, zeugt von einem geerdeten jungen Mann.

Das Projekt hat sich für Dich zu einer größeren Angelegenheit entwickelt. Du schreibst gerade Deine Examensarbeit zur Verwendung des “Songwritings als Lehrmethode im Englischunterricht”. Werden andere LehrerInnen die Arbeit hinterher lesen und das Konzept übernehmen können?

Das wäre auf jeden Fall etwas, wogegen ich mich nicht wehren würde.

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