“Genug ist genug!” Drei Fragen – 24 Antworten auf die Gezi-Park-Proteste von unseren Freunden in und außerhalb der Türkei

bildungmain, oldblog4 Comments

occupy_gezi_protest_scene_women_heryer_taksim_2013_small

For an English version of the article please click here

Von Freunden in Istanbul und aus anderen Städten der Türkei bekommen wir mit, dass viele der Bilder und Videos der Proteste auf Druck der türkischen Regierung nicht in den dortigen Medien ausgestrahlt wurden. Die Sozialen Netzwerke haben deshalb eine zentrale Stellung bei der Dokumentation und der Organisation der Occupygezi-Protestbewegung eingenommen: Bilder, Videos, Kommentare und Schauplätze der Proteste wurden veröffentlicht und weiterverbreitet – zum Teil hunderttausendfach. Die internationalen Medien berichten und analysieren derweil häufig aus ihrer Außensicht auf die Ereignisse. Viele dieser Berichte haben wir in den letzten Tagen verfolgt und uns gefragt, wie unsere Freunde – die entweder selbst an den Protesten beteiligt sind, von außerhalb Solidarität mit den DemonstrantInnen zeigen oder aber die Occupygezi-Bewegung (in Teilen) auch skeptisch betrachten – die jüngsten Entwicklungen einordnen.

Wir haben ihnen deshalb folgende drei Fragen gestellt:

1. Wie erlebst du gerade die Situation in Istanbul?
2. Was kritisierst du?
3. Was erwartest und wünschst du?

Auf unsere Fragen haben wir 24 Antworten erhalten. Im Folgenden könnt ihr euch durch die Statements klicken, die wir von Melek, Çetin, Deniz, Fatma, Fatma, Serkan, Eyüp und Burak erhalten haben…

Melek* (30), çapulcu, Doktorandin, Ankara:

Everyday I'm çapuling

„Ich möchte in einem Land leben, in dem Politiker Fortschritt als menschliche Fortentwicklung verstehen, nicht als wirtschaftlichen Fortschritt. Denn uns als Öffentlichkeit ist sehr bewusst, wie ‚gerecht’ wirtschaftlicher Reichtum in einer Vetternwirtschaft tatsächlich verteilt sein kann und  welchen Standard die neue muslimische Bourgeoisie lebt. Die AKP hat den Islam instrumentalisiert, um die Öffentlichkeit zu mobilisieren und die Unterstützung der Mehrheit der Bevölkerung zu erhalten, indem sie sich über Jahre als benachteiligte Gruppe in einem autoritären Regime dargestellt hat, das von einer säkularen, nationalen, kemalistisch-elitären Gruppe angeführt werde. (…) Dabei sind wir uns alle sicher, dass die AKP eine rein neoliberale Partei ist, die allein das Geld anbetet und deswegen  für den Säkularismus eigentlich keine Gefahr darstellt…”

“Ich verstehe mich als anti-kapitalistische Muslimin und werde als diese nur von einer Minderheit in der türkischen Regierung vertreten…” hier kannst du Meleks vollständige Antwort lesen


Çetin Çelik (36), männlich, Istanbul:

Gezi-streetart tree and fist

„Die politischen Strukturen in der Türkei müssen neu geordnet werden, ortsansässige Organisationen und Bürger müssen die Chance bekommen, dass ihre Stimme auch bei lokalen Entscheidungen gehört wird. Die Zehn-Prozent-Hürde, um bei den Wahlen ins Parlament einzuziehen, müsste heruntergesetzt und Partei-interne Verfahren in einem demokratischen Sinne reformiert werden. Zudem müssen die türkische Politik dezentralisiert und mehr Partizipationsmöglichkeiten geschaffen werden. Bürger sollten das Recht haben, über Dinge zu sprechen, die sie für wichtig erachten, wie etwa das‚Gezi’-Park-Bauprojekt am Taksim-Platz. Denn alleine eine Wahl zu gewinnen gibt der jeweiligen Regierung noch nicht das Recht, alles zu tun, was sie will – auch nicht, einen bestimmten Lebensstil als ‚illegal‘ auszurufen oder die Menschen anzuleiten, wie sie ihr Leben zu führen haben…”hier kannst du Çetins vollständige Anwort lesen


Deniz Den (27), Niederländerin, lebt seit einem Jahr mit ihrem türkischen Ehemann in Istanbul:

Gezi-streetart bird with gasmask

„Die Polizeigewalt in der Türkei hat mich schockiert. Sie hat mein Herz zerbrochen… Ich dachte immer, dass ein Leben in einer Demokratie Freiheit bedeutet, Freiheit zu protestieren, die Freiheit, seine Meinung offen auszusprechen, mit anderen zu teilen und seinen eigenen Glauben und Lebensstil zu leben… Obwohl ich schon vorher von Makeln in Erdoğans Führungsstil mitbekommen hatte, haben die Ereignisse der letzten Woche meinen Blick auf dieses Land so sehr erschüttert, dass ich – sofern die Regierung in dieser Form bestehen bleibt – nicht im Stande sein werde, mein Leben so zu führen wie vor Beginn der Proteste. Es hat sich herausgestellt, dass wir hier ganz sicher nicht in einer Demokratie leben, sondern vielmehr in einer Art Cocktail: Man nehme da ein wenig  Diktatur, etwas Religionsmissbrauch, eine Prise Korruption und oben drauf etwas Polizeigewalt. Ich bin überzeugt, dass sich etwas ändern muss und obwohl ich in meinem Leben zuvor noch nie protestiert habe, habe ich das Gefühl, jetzt auf die Straße zu müssen…“ hier kannst du Deniz Dens vollständige Antwort lesen


Fatma, (29), Studentin in Hamburg, Deutsch-Türkin:

Gezi-streetart woman green tree

„Ich habe eine eher ambivalente Haltung gegenüber den neuesten Geschehnissen in der Türkei. Allgemein betrachtet sehe ich die Entwicklungen, die in den letzten Jahren geschehen sind, als begrüßenswert. Im Vergleich zu  vorigen Regierungen in der Geschichte der Türkei bietet die AKP viele Gründe, die meine persönliche Einstellung zum ‚Leben in der Türkei’ zum Positiven verändert haben. Zu Hause im Gespräch mit meinen Eltern würde ich das so nur schwer zugeben. Hier bin ich eher kritisch. Für meine Eltern (und den Rest der Familie, inklusive Verwandtschaft) ist Erdoğan ein Held. Besonders die Tatsache, dass die AKP als eine religiös-konservative Partei das Militär aus der Politik verdrängen konnte, spielt für sie eine bedeutende Rolle.” hier kannst du Fatmas vollständige Antwort lesen 


Fatma Rebeggiani (32), Doktorandin an der Bremen International Graduate School of Social Science (BIGSSS) und Redakteurin beim Newsletter “Migration und Bevölkerung” des Netzwerks “Migration in Europa”. Sie ist Deutsch-Türkin und lebt mit ihrem Mann und Kind in Bonn:

Gezi-streetart woman in red

„Meine Cousine war unter den Demonstranten, so dass ich wusste, dass das tatsächlich passiert. Sie und andere Demonstranten haben im Hilton Zuflucht vor der Polizei gefunden, die sie mit Tränengas verfolgt haben. Irgendwie waren es altbekannte Bilder aus der Türkei: Demonstranten, die von der Polizei verprügelt und mit Wasserwerfern ‚weggefegt’ werden. Aber diese Bilder wirkten wie aus einer anderen Zeit…”

„Das Volk wird erwachsen. Und steht für sich ein. Das ist gut so, und ich hoffe dass sich das gut entwickelt. Es ist wichtig, nicht nur auf der Straße, sondern auch als Konsumenten Verantwortung zu übernehmen und alles, was man noch hat als Ausdruck der Freiheit, zu nutzen und damit ein Zeichen zu setzen. Das ist Volkes Souveränität, und ich bin froh, dass dieses Selbst-Bewusstsein in der türkischen Bevölkerung immer stärker wird. Persönlich würde ich mir auch wünschen, dass man für diesen Prozess nicht immer noch den guten alten Atatürk bemühen muss, sondern, dass ‘des Volkes Wille’ heute für sich genommen wichtig genug ist, um für ihn auf die Straße zu gehen…” hier kannst du Fatmas vollständige Antwort lesen


Serkan (34), Neukölln, geboren in Istanbul, migrierte als kleines Kind mit seinen Eltern nach Deutschland:

Gezi-streetart penguin with gasmask

„Ich wünsche mir, dass im Falle eines Rücktrittes Erdoğans, die Vergangenheit aufgearbeitet wird. Ich meine damit auch die Zeit vor dem Antritt der AKP. Heute erkennt man in den Aktionen der AKP eine Art Rache, die sie an dem laizistischen Regime für die Prä-AKP-Ära nehmen. Die AKP wirft den damaligen Regierungen vor, aufgrund ihres Glaubens verfolgt worden und unterdrückt worden zu sein. (…) Diese Zeit muss aufgearbeitet werden. Ein neues Verständnis für Religionen und Diversitäten innerhalb der Gesellschaft muss entstehen und gefördert werden, um die Menschen, egal welcher Herkunft und welchem Glaubens, vereinen zu können. Den ersten Schritt haben die Menschen auf den Straßen schon getan und auch bewiesen, dass es machbar ist. Dort stehen verfeindete Fußballfans Seite an Seite, dort stehen Transvestiten mit Hausfrauen Seite an Seite und dort stehen Aleviten mit Sunniten Seite an Seite und machen von ihrem Menschenrecht Gebrauch und kämpfen für eine demokratischere Gesellschaft ohne von Oppositionellen angeführt zu werden.“ hier kannst du Serkans vollständige Antwort lesen


Eyüp, männlich, in Deutschland geboren, fühlt sich unter anderem zugehörig zu  Norddeutschland und der westlichen Türkei, lebt heute Bremen:

Gezi-streetart yellow fist

„Die Unwissenheit vieler Türken und Kurden bezüglich ihrer gemeinsamen Vergangenheit sowie die menschenverachtende Haltung, die die AKP-Anhänger den Protestierenden entgegenbringen sowie ihre Reduzierung auf ‚Alkoholiker und Extremisten’‚ finde ich schockierend und enttäuschend. Gut finde ich hierbei jedoch, dass man nun noch viel deutlicher als je zuvor das wahre Gesicht vieler konservativer Türken und Kurden sieht und wie sehr sie in schwarz-weiß-Mustern denken und die Dinge aus einer stark religiös geprägten Perspektive betrachten. Jetzt weiß man, woran man ist und man muss intoleranten Mitmenschen nicht mehr Toleranz oder Verständnis entgegenbringen, als sie selbst zu zeigen bereit sind.” >hier kannst du Eyüps vollständige Antwort lesen


Burak Korkmaz (28), in Istanbul geboren. Seit sechs Jahren in Deutschland; lebt in Köln, arbeitet als freier Kommunikationsdesigner und ist Master-Student an der FH Düsseldorf:

Gezi-streetart man

„Ich kritisiere die Tatsache, dass die konservativ-islamistische Partei AKP unsere Verhandlungsfähigkeit und Rechte als Bürger – oder eben Menschen – in den letzten zehn Jahren  ignoriert und letztlich beseitigt hat…”

„Erstmals in der Geschichte der Türkei sieht man eine solidarische zivilgesellschaftliche Bewegung, die ohne die Zugehörigkeit zu einer bestimmten politischen Fraktion agieren kann. Vielleicht entsteht aus diesem Widerstand eine neue politische Partei, die den Bedürfnissen dieser Menschen entsprechen kann. Umweltschutz, Menschenrechte, Integration, Emanzipation, Tierschutz, Bildung und Queer-Rechte sind die Themen, die in der letzten Dekade vernachlässigt wurden und es ist Zeit, dass man schrittweise darauf eingeht.” hier kannst du Buraks vollständige Antwort lesen


Melek* (30), çapulcu, Doktorandin, Ankara:

WIE ERLEBST DU GERADE DIE SITUATION IN ISTANBUL?

„Zum ersten Mal in meinem Leben erlebe ich eine so bedeutende demokratische Reaktion der türkischen Bevölkerung gegenüber der repressiven Regierungspolitik. Seit dem ersten Tag bin ich in die Proteste eingespannt – entweder mit den Massen auf der Straße oder in den Sozialen Netzwerken. Und gerade fühle ich mich völlig überfordert mit all den Informationen, Beobachtungen und Stellungsnahmen zu den Vorkommnissen. Nicht nur physisch, sondern auch emotional. Um nur ein Beispiel zu nennen: Gestern habe ich am Generalstreik teilgenommen und von morgens um 10:00 Uhr mit meinen Kollegen und Freunden demonstriert. Wir sind zum Güven Park in Kızılay (Ankara) marschiert und wurden von der Polizei dabei nicht weiter gestört. Ich habe die Gruppe gegen 16 Uhr verlassen. Drei Stunden später hat die Polizei die Gruppe attackiert, ohne einen Vorwand. Sie meinten: „Ihr müsst nach Hause zu Eurem normalen Leben zurückkehren“. Von dem, was ich von meinen Freunden und aus den Medien gehört habe, kann ich sagen, dass es ein ziemlich hartes Eingreifen der Polizei war. Ich bin so wütend geworden! Obwohl ich gestern über viele Witze gelacht habe und sich Humor unter den Protestierenden ausbreitet, fühle ich mich heute demoralisiert. Um es kurz zu machen: Diese Tage sind extrem ermüdend und anstrengend für mich und ich vernachlässige völlig meine Doktorarbeit. Ich kann nicht ans Arbeiten denken, aber ich bereue es auch nicht.”

WAS KRITISIERT DU?

„Mein Protest richtet sich vor allem gegen die Polizeigewalt in der Türkei. Die Menschen, die im Gezi-Park gesessen und die Bäume geschützt haben, waren absolut unschuldig. Sie haben es nicht verdient so unmoralisch von der Polizei behandelt zu werden. Wir haben alle verfolgen können, wie die Polizei mitten in der Nacht ihre Zelte verbrannt und Tränengas gegen sie eingesetzt hat, während sie noch schliefen. Das darf nicht akzeptiert werden. Im Anschluss stellt sich unser Premierminister hin und sagt: „Es ist mir egal, was sie machen. Ich interessiere mich nicht für die Forderungen einiger çapulcu!!!” Seine Arroganz und seine Haltung gegenüber den Demonstranten war der zweite Anlass für mich wütend zu werden.

Dann begannen sich die Proteste auszuweiten, wie Du weißt. Diese beiden anfänglichen Ereignisse haben mich dazu gebracht zu sagen: GENUG IST GENUG. Ich möchte selbst nicht von einem Diktator regiert werden. Bedauerlicherweise schaut unser Präsident auf unsere politischen Forderungen herab und will die Bürgerrechte und politischen Mitspracherechte der Menschen nicht akzeptieren. Stattdessen stigmatisiert er uns als çapulcu, Marginalisierte, Terroristen, sogar Faschisten!

Daneben gibt es einen weiteren Grund für meinen Protest:Ich möchte in einem Land leben, in dem Politiker Fortschritt als menschliche Fortentwicklung verstehen, nicht als wirtschaftlichen Fortschritt. Denn uns als Öffentlichkeit ist sehr bewusst, wie ‚gerecht’ wirtschaftlicher Reichtum in einer Vetternwirtschaft tatsächlich verteilt sein kann und  welchen Standard die neue muslimische Bourgeoisie lebt. Die AKP hat den Islam instrumentalisiert, um die Öffentlichkeit zu mobilisieren und die Unterstützung der Mehrheit der Bevölkerung zu erhalten, indem sie sich über Jahre als benachteiligte Gruppe in einem autoritären Regime dargestellt hat, das von einer säkularen, nationalen, kemalistisch-elitären Gruppe angeführt werde. Ich selbst habe die damalige Demokratisierungsbewegung unterstützt, die den Einfluss des Militärs und der kemalistischen Elite einschränken sollte. Als die AKP dann aber an der Macht war, HAT sie keine Sekunde gewartet, um ihre Macht gegen kritische Stimmen zu nutzen. In den ersten Amtsjahren der AKP haben dann kemalistische Republikaner die Menschen damit provoziert, dass sie behaupteten, die AKP sei eine islamistische Partei, die die Scharia in der Türkei einführen wolle! Diese Meinung wird allerdings nur von einer Minderheit der Menschen unterstützt, die ihre eigenen privilegierten Positionen und Ämter im Staat verteidigen wollten, die sie seit der Gründung des türkischen Staates inne haben. Wir sind uns alle sicher, dass die AKP eine rein neoliberale Partei ist, die allein das Geld anbetet und deswegen  für den Säkularismus eigentlich keine Gefahr darstellt.

Während der Regierungszeit der AKP wurden dann zahlreiche islamische Organisationen von Seiten der Regierung unterstützt. Sie wurden mächtiger und einflussreicher in der Politik, der Wirtschaft, der Wissenschaft und in der Zivilgesellschaft. In dieser Situation wurde die Polarisierung zwischen Islamisten und Kemalisten sehr deutlich. Bedauerlicherweise wurden Bürger wie ich in dieser Zeit aus der politischen Arena verdrängt – weil ich eine gläubige Muslimin bin, aber trotzdem weder die AKP noch eine andere muslimische Vereinigung unterstütze. Ich trage kein Kopftuch und ich arbeite für keine zivilgesellschaftliche muslimische Organisation. Auf der anderen Seite unterstütze ich aber auch nicht die republikanisch kemalistische Volkspartei (CHP, Cumhuriyet Halk Partisi; Deutsch: Republikanische Volkspartei) und habe auch keine Verbindung zu ihnen. Ich verstehe mich als anti-kapitalistische Muslimin und werde als diese nur von einer Minderheit in der türkischen Regierung vertreten.

Da die großen Oppositionsparteien (CHP, die republikanischen Kemalisten, und die MHP, die nationalen Faschisten) auf die Bedürfnisse der Menschen nicht eingehen und auch nicht die ausreichende Kraft für eine starke Opposition gegenüber der AKP-Regierung mitbringen, haben die Menschen keine andere Alternative als die AKP zu wählen. Sie fühlen sich alleingelassen. Ich kritisiere auch die Schwäche der oppositionellen Parteien. Darüber hinaus und das obwohl ich mich eher den linken politischen Strömungen zurechnen würde, finde ich keinen richtigen Ort, um mich einzubringen, da ich weder ihren politischen Umgangston mag, noch ihre veralteten und verkrusteten Ansichten. Es gibt Hunderte von linken Gruppierungen und ich glaube, dass niemand eine plausible Erklärung dafür hat, wieso es keinen einflussreichen linken Flügel in der Türkei gibt. Während ich meinen Bachelor gemacht habe, war ich in mehreren dieser Gruppierungen engagiert, habe sie aber später aufgrund ihres unverantwortlichen Verhaltens sowie ihrer schwachen Agenden wieder verlassen.

Während der Demonstrationen bin ich völlig aufgeregt geworden, weil ich auf einmal gemerkt habe, dass ich nicht alleine bin. Es gibt Hunderte, die so denken wie ich und keinen Ort finden konnten, um die eigene Stimme einzubringen. Ein Beispiel hierfür hat sich letzten Freitag abgespielt, als es ein erstes Treffen im Kugulu-Park in Ankara gab und ein Parteibus der CHP auf dem Platz vorfuhr, ein traditionelles Lied abspielte und ein paar Parteivertreter erschienen. Viele Leute vor Ort haben gegen die CHP protestiert und ihnen nicht gestattet, die Bewegung für ihre Zwecke zu missbrauchen. In ähnlicher Weise erging es auch den Kemalisten, die sagten: ‚Wir sind Soldaten von Mustafa Kemal’. Auch gegen sie protestierten die Menschen vor Ort, da wir niemandem ein Soldat sein werden. Ich denke, dass es gerade dieser Geist der Bewegung ist, der alle möglichen von der Regierung an den Rand gedrängten Gruppierungen umfasst und einschließt und der den Protest so stark gemacht hat. Einige meiner sozialistischen Freunde diskutierten, ob wir einen politischen Rahmen für die Bewegung definieren sollten. Ich habe das abgelehnt, denn wenn irgendwer einen solchen politischen Rahmen für die Bewegung vorgeben würde, würde dieser andere Gruppierungen ausschließen. Zum Beispiel würden nationalistische Kemalisten Kurden und all diejenigen ausschließen, die zuvor für die AKP gestimmt haben, sie jetzt aber ablehnen. Oder nehmen wir die anti-kapitalistischen Muslime, die ein politisches Rahmenkonzept bestimmen würden; sie würden Schwule und Lesben, Prostituierte und Kemalisten ausschließen. Dieser Protest ist ein gutes Beispiel für neue soziale Bewegungen, die spontan, friedlich und nicht ideologisch aufgeladen sind!!! Wir sind alle davon begeistert, wie Fans unterschiedlicher Fußballteams zusammenkommen und Solidarität zwischen allen möglichen unterschiedlichen Gruppierungen gelebt wird.

Die Forderung ist ziemlich simple und eindeutig: ‚Herr Erdoğan, Präsident Erdoğan, bitte respektieren sie uns, respektieren sie unsere Lebensstile und schützen sie unsere Bürger- und politischen Rechte.’

Demzufolge findet man sehr junge, sehr gebildete, sehr friedliche Demonstranten auf der einen Seite und Polizeigewalt und Ignoranz der Regierung auf der anderen Seite. Natürlich sollte ich dabei nicht die AKP-Anhänger vergessen, die sich Sorgen um die wirtschaftliche Lage machen oder darum, dass das Auslandskapital aus dem Land gezogen wird. Man muss verstehen, dass es sich hier um reiche Finanz- und Handelsgruppen handelt, die ihr Geld mit der Unterstützung der AKP-Regierung gemacht haben.”

WAS ERWARTEST DU UND WÜNSCHST DU?

„Mittlerweile bin ich, was die politische Zukunft der Türkei angeht, sehr optimistisch. Denn beide Seiten, die regierende Partei sowie die Oppositionsparteien haben erkannt, dass diese Bewegung zeigt, wie Menschen zusammenarbeiten, um ihre Forderungen sichtbar machen. Ich kann darüber hinaus auch mit meinen eigenen Augen sehen, wie klug und stark diese jungen Menschen sind, die die Zukunft ausmachen werden. Sie haben – ohne Gewalt anzuwenden – die alten Klischees der Politik mit ihren Gesängen, Tänzen und Botschaften zum Einsturz gebracht und den Leuten gezeigt: ‚Wir haben das Recht unsere Meinung zu äußern und wir können auf die Straße gehen, wenn die Regierung uns nicht hört.’

Von nun an sollten wir aber vorsichtig mit den Protesten sein, denn extrem nationalistische und konservative Gruppen könnten die Demonstranten provozieren. Wir wissen, dass die AKP-nahen Medien schon heute Fehlinformationen an ihre Rezipienten verbreiten. Persönlich werde ich stärker politisch mobilisiert bleiben und meine oppositionellen Aktivitäten so lange fortführen bis die Regierung ihre Sprache und Haltung gegenüber den Bürgern ändert. Die Zeit wird zeigen, welche Ergebnisse erzielt werden können. Für mich war das, was bisher passiert ist, sehr aufrütteln und Bewusstsein fördernd.”

Gezi protest march vs. police and Toma

Çetin Çelik (36), männlich, Istanbul:

WIE ERLEBST DU GERADE DIE SITUATION IN ISTANBUL?

„Was in der Türkei derzeit passiert, ist ein außerordentliches Phänomen; die türkische Bevölkerung entwickelt ihren eigenen zivilen Ungehorsam in legitimer Art und Weise. In der Geschichte des Landes wurde beinahe jede Widerstandsbewegung, die mehr demokratische Rechte einforderte, von der Regierung systematisch kriminalisiert. Dessen Anhänger wurden entweder als kurdische Terroristen bezeichnet, die, von hinterhältigen westlichen Mächten von außerhalb unterstützt würden und die Republik teilen wollten. Oder es wurde das Bild radikaler Muslime heraufbeschworen, die, wiederum von rückständigen östlichen Mächten unterstützt, ein Scharia-Regime im Land etablieren wollten. Dieses Mal ist es anders, weil die Demonstranten aus beinahe allen gesellschaftlichen Lagern und Schichten kommen und sehr unterschiedliche politische Erfahrung mitbringen – von viel bis gar keine. Meiner eigenen Beobachtung nach wird die gemeinsame Kritik der Protestierenden in folgender Aussage deutlich: ‚Du kannst nicht in mein Leben eingreifen und Du kannst nicht tun und lassen, was immer Du willst, nur weil Du eine Wahl gewonnen hast’. Aus dieser Perspektive verweist dieser Protest auch auf eine Krise der heutigen repräsentativen Demokratie. Die Menschen sehen ihre Interessen und Sichtweisen von den Politikern nicht ausreichend gut repräsentiert.”

WAS KRITISIERT DU?

„Der zivile Ungehorsam zeigt, dass der Weg zu einer Partizipativen Demokratie verschlossen ist. Erdoğan betrachtet Demokratie als eine Dominanz der Mehrheit über eine Minderheit und versteht die Urnenwahl als die einzige Art und Weise, wie die Bürger ihre Sichtweisen und Bedürfnisse äußern dürfen. Aus diesem Grund verbarrikadiert er alle Wege, die zu mehr partizipativer Demokratie in seiner politischen Ausrichtung führen würden. Dabei ist Demokratie ja dafür da, das Leben und die Rechte aller Bürger zu schützen sowie Minderheitenrechte gegenüber möglichen Repressionen seitens der Mehrheit zu gewähren. Wahlen sind nicht das einzige Instrument einer Demokratie. Die öffentliche Debatte sollte für die akuten Bedürfnisse weiterer demokratischer Institutionen geöffnet werden, wie zum Beispiel Nichtregierungsorganisationen, Universitäten, Vereine und Organisationen.“

WAS ERWARTEST DU UND WÜNSCHST DU?

„Persönlich wünsche ich mir – auch wenn ich nur geringe Chance auf Umsetzung sehe –, dass die Regierung die Forderungen des zivilen Ungehorsams angemessen wahrnimmt. Entsprechend müssten die politischen Strukturen neu geordnet werden, so dass ortsansässige Organisationen und Bürger die Chance bekommen, ihre Stimme auch bei lokalen Entscheidungen einzubringen. Die zehn-Prozent-Hürde, um bei den Wahlen ins Parlament einzuziehen, müsste herabgesetzt werden und Partei-interne demokratische Verfahren müssten reformiert werden. Der politische Zentralismus muss dezentralisiert werden. Partizipationsmöglichkeiten müssen geschaffen werden. Bürger sollten das Recht haben, über Dinge zu sprechen, die sie interessieren, wie etwa das ‚Gezi’-Park-Bauprojekt am Taksim-Platz. Eine Wahl allein gibt der jeweiligen Regierung nicht das Recht, alles zu tun, was sie will, auch nicht einen bestimmten Lebensstil als ‚illegal‘ auszurufen oder die Menschen anzuleiten, wie sie ein erfülltes Leben zu führen haben.

Als Bürger möchte ich ein Mitspracherecht haben, wenn ein Projekt mein Ökosystem beeinflusst. Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in dem sich niemand wie eine dominante Vaterfigur aufführt. Niemand hat das Recht mir vorzuschreiben, wie viele Kinder die Menschen bekommen sollen oder wie viel Alkohol sie trinken dürfen. Unabhängig ihrer politischen und sexuellen Präferenzen sollten die Bürger gleichwertig behandelt und die Chance bekommen, gehört zu werden.” zurück zum Anfang

Gezi protest victory sign

Deniz Den (27), Niederländerin, lebt seit einem Jahr mit ihrem türkischen Ehemann in Istanbul:

WIE ERLEBST DU GERADE DIE SITUATION IN ISTANBUL?

„Die Proteste haben friedlich begonnen. Wie wir alle wissen, begann es damit, dass der Gezi-Park am Taksim einer weiteren Shopping-Mall, sowie einer Moschee Platz machen sollte. Eine friedliche Demonstration wurde von einer kleinen Gruppe von Protestierenden gestartet, die im Gezi-Park saß, Bücher las und ihr Frühstück mit der Polizei teilte. Das war am Mittwoch.

Dieser Protest erhielt Aufmerksamkeit, blieb aber immer friedlich und ruhig und wurde am Donnerstag fortgeführt. Am Freitagmorgen wurde dieser friedliche Protest von der Polizei brutal gestört. Die Protestierenden wurden, während sie in ihren Zelten schliefen, aus dem Nichts mit Pfefferspray-Kanistern beschossen, um sie aus dem Park zu vertreiben und um anschließend ihre Zelte zu verbrennen. Am Freitagnachmittag konnte sich die Protestbewegung erneut Gehör verschafften, schlicht indem verschiedene Slogans gerufen wurden. Erneut wurde dies mit Tränengas beantwortet und dieses Mal wurden auch Wasserwerfer gegen die Demonstranten eingesetzt, so dass sie im wahrsten Sinne des Wortes von den Straßen gespült wurden. Selbst Touristen, Alte und Kinder wurden getroffen und es wurde – als wenn das noch nicht genug wäre –, eine Tränengasgranate in den U-Bahn-Schacht am Taksim gefeuert; man kann sich denken, dass die Menschen dort unten nicht in der Lage waren zu atmen…

Nach diesen Ereignissen versammelten sich alle nach der Arbeit, der Schule etc. und vereinigten sich im Protest, erneut friedlich, einzig laut rufend. Sie wurden hierfür mit Gasgranaten und unfassbarer Polizeigewalt belohnt. Das war Freitag, 31. Mai…

Obwohl die Proteste wegen des Gezi-Parks begannen, gibt es so viele weitere Gründe, weshalb die Menschen genug von der autoritären Führung der AKP und des Premierministers Erdoğan haben. Um einige davon zu nennen:

  • Bürgern ist nicht gestattet ihre Zuneigung füreinander an Bahnhöfen zu zeigen (ganz zu schweigen von einem Zungenkuss);
  • Religiöse Erziehung wurde zu einem erklärten und beinahe dominanten Bestandteil des staatlichen Schulbildungssystems gemacht;
  • Bedürftigen Studierenden wurden Stipendien nur unter der Bedingung gewährt, dass sie ein Kopftuch tragen;
  • Im bekanntesten Ausgehviertel am Taksim wurde der Gastronomie angeordnet, alle Tische von der Straße zu nehmen, so dass die Menschen nicht mehr ihr ‚Rakı-Balık‘-Abendessen genießen können, bevor sie ausgehen. Mithilfe dieser Maßnahme sollen die Leute auch dazu bewegt werden, erst gar nicht auszugehen;
  • Die natürlichen Ressourcen der Türkei werden für einen kurzfristigen Cashflow verkauft, mit der Behauptung, darüber die Wirtschaft anzukurbeln;
  • Den Menschen wird erzählt, dass das Atatürk-Kulturzentrum (Atatürk kültür merkezi) am Taksim abgerissen wird und ein neues Opernhaus gebaut werden soll. Diese stellt sich  heute als repräsentative Moschee heraus, während Zentren der Kultur überall in der Türkei geschlossen werden. Die türkische Nationaloper sowie das Ballett und Theater sind privatisiert worden. Erdoğan zu folge handelt es sich beim Ballett sowieso nur um ‚Pornografie‘…;
  • Ohne die Kritik und Warnungen der Stadtplaner anzuhören, ist von einem Tag auf den anderen überall ein Baurausch in Gang gesetzt worden;
  • Geschäfte wurden geschlossen und eingenommen, um daraus im Sinne der Regierung Profit zu schlagen;
  • Die letzten ‚freien’ Streifen des Bosporus-Boulevards werden verkauft, um dort noch mehr Hotels zu bauen;
  • Die Medien werden darin eingeschränkt die Wahrheit zu veröffentlichen. Tun sie dies doch, werden die Journalisten ins Gefängnis gesteckt. So auch gerade erst geschehen: Turkcell und viele weitere Provider wurde unter Druck gesetzt, ihre Kommunikationssysteme abzuschalten, um zu verhindern, dass Nachrichten über die Proteste nach außen dringt;
  • Die Straßen werden nach religiösen Führern oder Berühmtheiten alter Zeiten umbenannt. Die Änderungen von Straßennamen und die darauffolgende nicht-Registrierung der dortigen Bewohner werden zum Anlass genommen, sie von den Wahlen auszuschließen;
  • Die Menschen werden mit Kohle und sonstigen Haushaltswaren bestochen, um Stimmen für die Wahlen zu gewinnen;
  • Mehrere Generäle, Richter und Journalisten werden mit der Begründung ins Gefängnis gesteckt (Ergenekon), sie hätten einen Putsch geplant;
  • Äußerst fraglich ist auch die Intervention seitens der Regierung in die Berichterstattung über das Bombenattentat in Reyhanlı im 11. Mai 2012. Offiziell wird von 51 Todesopfern gesprochen, während andere Meldungen von 177 Getöteten sprechen. Der Journalist, der 177 Todesopfer gezählt hatte, wurde festgenommen und ins Gefängnis gesteckt. Gleich nach dem Bombenattentat ist Erdoğan in die USA geflogen, um sich mit Obama zu treffen, ohne vorher nach Reyhanlı zu reisen oder Unterstützung zuzusagen;
  • Die Regierung sagt, dass übermäßige Gewalt angewendet WURDE und dieser Umstand untersucht WERDEN WIRD, während zur gleichen Zeit übermäßige Gewalt immer noch angewendet WIRD. Darüber hinaus WERDEN gefährliche und vielleicht sogar verbotene und abgelaufene Chemikalien auf friedliche Demonstranten gesprüht (daraufhin bliebt es natürlich auch im Gegenzug nicht mehr so friedlich);
  • Es wird versucht, die Bevölkerung mit Aussagen wie diesen einzuschüchtern: ‘Wo sie sich zu 20 versammeln, werde ich aufstehen und 200.000 Menschen versammeln. Wo sie sich mit 100.000 versammeln, werde ich eine Millionen meiner Partei zusammenbringen’ (Erdoğan, 1. Juni, 2013). Dies impliziert, dass wenn der Protest nicht aufhört, Erdoğan gewillt ist, einen Bürgerkrieg zu starten;
  • Obgleich der ‚Türkische Frühling’ gekommen ist – der laut Erdoğan nur deswegen so heißt, weil gerade ‚Frühling’ ist –, geht der Premier auf Staatsbesuch außerhalb des Landes nach Marokko, Tunesien und Algerien;
  • Wohlklingende und mächtige Worte wurden zu bestimmten Zeiten ausgesprochen, aber in anderen Situationen vom selben Mann, Erdoğan, erneut widersprochen;
  • Es wird angegeben, dass die Wirtschaft im Aufwind ist und jetzt der Reichtum schnell anwachsen wird. Die meisten Menschen bleiben jedoch arm, sie werden nichts von dem besagten Reichtum sehen – außer vielleicht den Wachstumsraten, die dieses Wirtschaftswachstum andeuten;
  • Es heißt ‚wir haben keine Probleme mit unseren Nachbarstaaten’. Dabei haben wir mit beinahe jedem dieser Länder Probleme;
  • Eine dritte Brücke wird im letzten grünen Gürtel des Istanbul-Bosporus gebaut – wie jedes Mal mit dem Versprechen, dass keine Einkaufszentren oder Gebäude zusätzlich gebaut würden, um die Natur zu schützen. Wir werden es sehen…;
  • Die Menschen werden provoziert, indem man generalisiert: ‚Alle Menschen, die Alkohol trinken, sind Alkoholiker; alle, die protestieren, sind Marginalisierte, Gammler, Faschisten oder Terroristen; alle, die sich einer Abtreibung unterziehen, sind Mörder etc.';
  • Es wird versucht, die Abtreibung wird zu verbieten;
  • Es wird versucht, die jährliche Feier für die türkische Republikgründung von Atatürk am 29. Oktober zu verbieten, mit der Begründung, die Feierlichkeiten seien gewalttätig…;
  • Nicht nur mit diesem Tag, sondern auch dem 19. Mai, dem ‚Tag der Jugend und des Sports’ sowie dem 23. April, dem ‚Fest der Kinder’ (Tag an dem die große Nationalversammlung gegründet wurde), wird versucht das Nationalgefühl zu schwächen, indem die Kinder dann neuerdings einen freien Tag erhalten, statt in der Schule organisierte Feierlichkeiten zu haben;
  • Das türkische Recht verbietet es Erdoğan, ein weiteres Mal für das Amt des Ministerpräsidenten zu kandidieren. Als Antwort hierauf scheint sich Erdoğan jedoch am russischen Präsidenten Wladimir Putin zu orientieren: Erdoğan versucht derzeit die Macht des türkischen Präsidenten zu stärken, in Vorbereitung darauf, diesen Posten selbst 2014 zu übernehmen. Nicht jeder in der AKP unterstützt diesen Plan und es gibt Spekulationen über interne Machtkämpfe.

Die Art und Weise, wie die Polizei mit den Menschen umgeht, ist unerhört. Wahllos werden Menschen geschlagen, mit Gas-Kanülen bombardiert, beschossen, von Wasserwerfern besprüht und in Gewahrsam genommen (sogar Alte und Kinder!). Und gibt es Gewalt gegenüber der Polizei? Ja, die gibt es. Es werden Steine geworfen – in der Regel jedoch als Antwort auf den radikalen und brutalen Einsatz der Polizei. Allerdings werden diese Demonstranten von anderen Demonstranten gewarnt und es versucht, sie zu beruhigen.

Die Gesamtatmosphäre ist fantastisch in Istanbul, die protestierenden Menschen, oder die, die sie unterstützen, sind vereint. Darunter sind Studierende, Ärzte, Rechtsanwälte, Professoren, Künstler, wobei alle ihr Wissen teilen und sich gegenseitig helfen. Jeden Abend gegen 21 Uhr beginnen die Menschen auf Töpfe und Pfannen zu schlagen, ihre Autohupen zu drücken, Trillerpfeifen zu verwenden, die Nationalhymne zu spielen und mit dem Licht in den Zimmern zu flackern, um ein Zeichen des Protests zu setzen, über ganz Istanbul verteilt und wahrscheinlich noch darüber hinaus.

Da ich in Istanbul lebe, kann ich nur von den hiesigen Ereignissen aus erster Hand berichten, aber ich kann sagen, dass es in mindestens 69 Städten der Türkei zu Protesten gekommen ist – fantastische Bilder von abertausenden Menschen, die sich versammeln, sind überall auch in den Sozialen Netzwerken zu sehen (und neuerdings auch im Fernsehen).”

WAS KRITISIERT DU?

„Ich kritisiere die Art und Weise, wie die Medien von der Regierung kontrolliert wurden und drei Tage lang von keinem einzigen Ereignis berichtet wurde – abgesehen von einigen provozierenden Ansprachen des Premierministers. Das ist widerwärtig und ich verurteile das zutiefst. Der einzige Medienkanal, der von den Ereignissen live berichtet hat, was Halk Haber TV. Den sozialen Netzwerken kam daraufhin ein neuer Sinn zu. Er  hat die Menschen gerettet.

Die Art und Weise, wie der Premierminister im Fernsehen gesprochen hat, war absolut provozierend und respektlos gegenüber ‚seinen’ Leuten – und ich komme da erst gar nicht auf seine vielen, vielen Lügen zu sprechen, die Ängste schüren sollten, beispielsweise dass Demonstranten nicht gleichzeitig Muslime sein könnten… Das ist unerhört! Ich habe viele Muslime gesehen, die die Protestierenden unterstützten und mithelfen! Es ist ein totaler Machtmissbrauch, der leider viele Leute betrifft, die gar nicht wissen, was los ist, innerhalb und außerhalb des Landes!

Die Polizeigewalt hat mich schockiert. Es hat ehrlich gesagt mein Herz zerbrochen… Ich dachte immer, dass ein Leben in einer Demokratie Freiheit bedeutet, Freiheit zu protestieren, die Freiheit, eine Meinung zu haben, diese mit anderen zu teilen und seinen eigenen Glauben und Lebensstil zu leben… Obwohl ich schon vorher von Makeln in Erdoğans Führungsstil mitbekommen hatte, haben die Ereignisse der letzten Woche meinen Blick auf dieses Land so sehr erschüttert, dass ich – sofern die Regierung in dieser Form bestehen bleibt – nicht im Stande sein werde, mein Leben so zu führen wie vor Beginn der Proteste. Es hat sich herausgestellt, dass wir hier ganz sicher nicht in einer Demokratie leben, sondern vielmehr in einer Art Cocktail: Man nehme da ein wenig  Diktatur, etwas Religionsmissbrauch, einer Prise Korruption und oben drauf etwas Polizeigewalt. Ich bin überzeugt, dass sich etwas ändern muss und obwohl ich in meinem Leben zuvor noch nie protestiert habe, habe ich das Gefühl, jetzt auf die Straße zu müssen.

Entschuldigungen für und Bestätigungen der Polizeigewalt hören wir seit dem dritten Tag. Es wird behauptet, der Gewalt werde nachgegangen. Aber warum stoppt sie dann niemand? Die eingesetzte Gewalt hat sich überall als illegal und grundlos erwiesen, aber sie wird jeden Tag überall in der Türkei fortgesetzt. Menschen sind getötet und viele verwundet worden, offiziell wird von 4177 Verletzten, drei Toten, 43 Schwerverletzten gesprochen. Zehn Menschen haben ihr Augenlicht verloren, 15 Menschen haben schwere Schädeltraumata. Und wir alle wissen, was ‚offiziell registriert’ bedeutet…

WAS ERWARTEST DU UND WÜNSCHT DU?

Ich habe nicht viele Erwartungen, aber Hoffnung. Ich hoffe, dass die Proteste von der Welt gehört werden, so dass dieses autokratische Regime gestoppt werden kann. Ich hoffe, dass jeder bei der nächsten Wahl wählen geht, in der Hoffnung, dass die Stimmen einer frischen, neuen Partei zukommen, die aus dieser heterogenen Protestbewegung hervorgeht und von einem charismatischen, gebildeten, kulturbewussten, respektvollen und visionären Premierminister geleitet wird. Ich hoffe, dass einige der bereits von der jetzigen Regierung getroffenen Entscheidungen noch rückgängig gemacht werden können; ich hoffe, der Premierminister wird zurücktreten und aus der Politik ausscheiden (wobei ich das nicht wirklich erwarte). Ich gehe allerdings sehr wohl davon aus, dass diese Ereignisse nicht in Vergessenheit geraten und die Menschen gelernt haben, wie sie sich Gehör verschaffen können. Ich erwarte darüber hinaus, dass die Proteste zumindest das Bewusstsein vermittelt haben, dass die Menschen nicht schlafen; sie sind erwacht und bereit, für ihre Rechte einzustehen.

Im Winter vergessen wir die Hitze des Sommers, im Sommer die Kälte des Winters, im Frühling vergessen wir die Melancholie des Herbstes und im Herbst den erfrischenden und blühenden Frühling. Ich hoffe, dass wenn nächstes Jahr die Zeit der Wahlen gekommen ist, niemand von uns das Gefühl dieses ‚Türkischen Frühlings’ vergessen haben wird und jeder von uns entsprechend handeln wird…zurück zum Anfang

Gezi protest streetart Recep Tayyip Erdoğan

Fatma, (29), Studentin in Hamburg, Deutsch-Türkin:

WIE ERLEBST DU GERADE DIE SITUATION IN ISTANBUL?

„Ich habe eine eher ambivalente Haltung gegenüber den neuesten Geschehnissen in der Türkei. Allgemein betrachtet sehe ich die Entwicklungen, die in den letzten Jahren gemacht wurden, als begrüßenswert. Im Vergleich zu den anderen vorigen Regierungen in der Geschichte der Türkei bietet die AKP viele Gründe, die meine persönliche Einstellung zum ‚Leben in der Türkei’ zum Positiven verändert haben. Zu Hause im Gespräch mit meinen Eltern würde ich das nur schwer zugeben. Für meine Eltern (und den Rest der Familie, inklusive Verwandtschaft) ist Erdoğan ein Held. Besonders die Tatsache, dass die AKP als eine religiös-konservative Partei das Militär aus der Politik verdrängen konnte, spielt für sie eine bedeutende Rolle.

Dass aber die regierende AKP keinen politischen Gegner auf Augenhöhe hat, hat Erdoğan und seiner Partei (und sogar seinen Anhängern) eine Eitelkeit beschert. Neben der ‚Schwäche’, dass andere Parteien die Erfolge der AKP nicht anerkennen, sehe ich auch keine konstruktive Kritik, die eine produktive Debatte ermöglicht. Dies ist meines Erachtens eine der größten Schwächen der Demokratie in der Türkei.

Die aktuelle Lage in der Türkei: Die Demonstrationen sind vielleicht die lang ersehnte Möglichkeit, eine Kritikwelle auszuläsem, die nicht von einem politischen ‚Gegner’ kommt. Dass es primär um Naturschutz, um ein Paar Bäume geht, glaub ich nicht.”

WAS KRITISIERT DU?

„Die polizeilichen Maßnahmen in allen Formen. Es hätte alles friedlicher zugehen können und müssen. Dass Erdoğan kurz vor seiner Abreise die Frage einer Journalistin beantwortet, indem er sagt, er könne, wenn er wolle, die zu Hause sitzende Mehrheit auf sie Straßen schicken. Diese Stellungnahme hatte die Funktion, die ‚Wut’ unter den Demonstranten und Erdoğan-Gegnern zu erhöhen. Hier sind die Reaktionen des Regierungsoberhaupts Gül und Erdoğans Stellvertreters Bülent Arinc wichtig und richtig gewesen. Sie hatten die ungünstigen Äußerungen Erdoğans direkt oder indirekt kritisiert. Sie haben sogar eine Anteilnahme mit den Protestierenden Kund getan und sich für Gespräche bereit erklärt – was ich als einen wichtigen Schritt erachte und für das politische und demokratische Image für gut heiße.

Ich habe aber nicht verstehen können, warum bei solchen Demonstrationen wichtige politische Meilensteine, die Erdoğan und die AKP geleistet haben, so schnell vergessen werden können und er sogar zum Rücktritt aufgerufen wird. Mehr noch: man geht weiter und deklariert ihn zum Diktator. Einen MP, der mit demokratischen Wahlen mit 50 % der Stimmen gewählt wurde.

Warum die Medien insbesondere die Nachrichtensendungen es nicht für nötig hielte, über das Thema ‚Gezi-Parki’ zu berichten, verstehe ich auch nicht. Neben Erdoğans Worten haben auch die unwahren Nachrichten und Informationen in sozialen Netzwerken für viel mehr Spannung und Anheizung der Atmosphäre gesorgt. Unnötig und für die Demokratie schädlich ist, dass freie Meinungsäußerung eingeschränkt wird. Ein gravierende Kritik gilt der Gesellschaft, die es nicht hinkriegt, ihre Bedenken und gefühlsgeleiteten Handlungen zu kontrollieren. Wenn an solche politischen Demonstrationen/Aktivitäten später zurück gedacht wird, ist es mehr als traurig, dass man sich auch an Tote erinnern wird…“   

WAS ERWARTEST DU UND WÜNSCHST DU?

„Ich wünsche, dass es zu mehr politischer Partizipation kommt. Dass Menschen mitentscheiden können über künftige Planungen bezüglich der Stadtsanierung, und auch in mehreren anderen Bereichen. Von der Fähigkeit zur Selbstkritik, die die AKP geleistet hat, als Erdoğan auf Staatsbesuch war, erhoffe ich mir, dass auch Erdoğan diese Fähigkeit entwickelt. Und auch die anderen Politiker. An mehreren Stellen lese ich, dass die letzten Tage eine wichtige Prüfung der türkischen Demokratie ist. Wo ich im Moment mit meinen Eltern gleicher Meinung bin ist, dass man merkt: Die demonstrierende Masse ruft nicht das Militär zum Handeln auf, was positiv ist.“ zurück zum Anfang


Fatma Rebeggiani (32), Doktorandin an der Bremen International Graduate School of Social Science (BIGSSS) und Redakteurin beim Newsletter “Migration und Bevölkerung” des Netzwerks “Migration in Europa”. Sie ist Deutsch-Türkin und lebt mit Mann und Kind in Bonn:

WIE ERLEBST DU GERADE DIE SITUATION IN ISTANBUL?

„Ich stand anfangs unter ziemlich großem Schock. Freitagabend konnte ich gar nicht fassen, was für Bilder und Nachrichten aus Istanbul auf Facebook gepostet wurden. Meine Cousine war unter den Demonstranten, so dass ich wusste, dass das tatsächlich passiert. Sie und andere Demonstranten haben im Hilton Zuflucht vor der Polizei gefunden, die sie mit Tränengas verfolgt haben. Irgendwie waren es altbekannte Bilder aus der Türkei, Demonstranten, die von der Polizei verprügelt und mit Wasserwerfern ‚weggefegt’ werden. Aber diese Bilder wirkten wie aus einer anderen Zeit. So als ob die letzten Jahre, mit all der wirtschaftlichen und auch politischen Öffnung und Entwicklung doch nicht so viel verändert hätten. Aber auch heute, fast eine Woche nach Beginn der Proteste, weiß ich immer noch nicht genug, um die Lage wirklich einzuschätzen… Es ist ja auch immer noch nicht vorbei.

Ich bin gespannt und besorgt, aber gleichzeitig auch merkwürdig beruhigt, weil es sich um einen demokratischen Reifeprozess handelt, der dort gerade passiert, bei den Protestierenden und bei der Regierung. Und das ist richtig und gut.“

WAS KRITISIERT DU?

„Ich kritisere die Gewalt, die die Polizei gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt hat. Ich kritisere den Premierminister, der sich mit ein paar Sprüchen aus der Affäre stehlen will. Ich kritisiere den Staatspräsidenten, der noch keine Ansprache gehalten hat. Ich kritisiere jeden, der diese Situation ‚entführen’ und für eigene politische Zwecke missbrauchen will, seien es Kemalisten, Anarchisten, Rechte, Linke, wer auch immer. Ich kritisiere jeden, der auf sozialen Medien Falschmeldungen produziert und/oder verbreitet und damit noch Öl ins Feuer gießt. Die Lage ist ernst genug, und bei der Sache und bei der Wahrheit zu bleiben dient der Sache mehr.

Und nochmals: Ich verurteile jede Form von Gewalt, die eingesetzt wird, gegen Menschen und gegen Eigentum.“

WAS ERWARTEST DU UND WÜNSCHST DU?

„Ich hoffe vor allem, dass die Zahl der Verletzten oder gar Toten nicht allzuweit mehr steigt und die Demonstranten nicht provozieren und sich nicht provozieren lassen, sondern dass beide Seiten besonnen bleiben…

Ich erwarte, dass die Regierung angemessen reagiert, und dass Erdoğan endlich merkt, dass den ‚Gegner ernst nehmen’ nicht ‚verlieren’ bedeutet. Der Mann ist im Herzen immer noch ein Fussballer und führt sich auf wie einer der typischen erbitterten berüchtigten türkischen Fußball-Anhänger. Es geht hier um mehr als um den Gezi Park, es geht um den Umgang der Regierung mit seinem Volk. Das hat der Gül verstanden, er ist auch ein kluger Mann. Der Erdoğan ist nun mal ein Hitzkopf und sehr autoritär, auch in seiner eigenen Partei und Regierung. Es ist wichtig, ihm zu zeigen, dass das so nicht geht. Das muss er lernen, oder er wird nicht lange bleiben können. Denn bei massivsten Protesten gibt es auch in einer Türkei mit inzwischen geschwächtem Militär immer noch viele, die lieber die säkularen Soldaten haben wollen als die Islamisten. Aber vor allem ist die Türkei demografisch ein unvorstellbar junges Land, und die Jungen wollen Teilhabe und wollen ernst genommen werden. Das Volk wird erwachsen. Und steht für sich ein. Das ist gut so, und ich hoffe dass sich das gut entwickelt. Es ist wichtig, nicht nur auf der Straße, sondern auch als Konsumenten Verantwortung zu übernehmen und alles, was man noch hat als Ausdruck der Freiheit, zu nutzen, und ein Zeichen zu setzen. Das ist Volkes Souveränität, und ich bin froh, dass dieses Selbst-Bewusstsein in der türkischen Bevölkerung immer stärker wird. Persönlich würde ich mir auch wünschen, dass man für diesen Prozess nicht immer noch den guten alten Atatürk bemühen muss, sondern dass ‚des Volkes Wille’ heute für sich genommen wichtig genug ist, um für ihn auf die Straße zu gehen.”zurück zum Anfang

Gezi protest man with mask and flag

Serkan (34), Neukölln, geboren in Istanbul, migrierte als kleines Kind mit seinen Eltern nach Deutschland:

WIE ERLEBST DU GERADE DIE SITUATION IN ISTANBUL?

„Die Situation in der Türkei überrascht mich sehr, da ich persönlich nicht daran geglaubt habe, dass die Gesellschaft sich gegen die jetzige Regierung auflehnen würde. Der Grund für meine negative Haltung liegt wohl in den tiefgreifenden Veränderungen und Entwicklungen in der Türkei seitdem die AK Partei an der Macht ist. Persönlich stört mich die rassistische Politik der Regierung, die einen Keil in die Gesellschaft getrieben hat. Ich liebe die türkische Kultur. Meine Eltern haben mir und meiner Schwester sehr viel dieser so reichen Kultur und ihrer Traditionen zu vermitteln versucht und waren erfolgreich. Und ich glaube, dass die türkische Kultur wie z.B. Die Literatur, die Musik, ihre Rituale, überhaupt die verschiedensten Lebensweisen und Glaubensvorstellungen imstande sind die Menschen zu vereinen.“

WAS KRITISIERT DU?

„Um nur einige aufzuzählen: Es gibt unzählige Dokumentationen darüber, dass Erdoğan – einfach ausgedrückt – ein Lügner ist. Ein Politiker, der seine Meinung und seine politische Route seinen und den Bedürfnissen seiner Regierungspartei opportunistisch anpasst. So wie im Streit mit dem israelischen Premier Peres in Davos, den er öffentlich als Mörder beschuldigte, später dann aber die Schuld dem Moderator gab, dass dieser ihn angestachelt habe. Im Internet kursieren weitere Stellungnahmen und Reden von Erdoğan, die sich abermals wiedersprechen. Und mich überraschte immer wieder, dass die türkische Gesellschaft diese Fakten nicht sehen wollte. In anderen Ländern wäre dies ein Skandal und würde wohlmöglich den Politikern ihr Amt kosten und die Menschen auf die Straßen treiben, wie es auch in jüngster Vergangenheit in den nordafrikanischen Ländern der Fall war. In der Türkei aber konnte sich das Erdoğan erlauben, da er sich sicher fühlte und wohl der Meinung war, er könne machen was er will, da die Menschen es sowieso schlucken würden und wenn nicht, dann ging er brutal mit seiner Polizei vor, die er in den letzten Jahren stark aufgebaut hat. Aber wie man sieht – und ich bin froh darüber, dass es anders gekommen ist – haben die Menschen genug von seinen Lügen. Enough is enough.”

WAS ERWARTEST DU UND WÜNSCHST DU?

„Ich wünsche mir, dass im Falle eines Rücktrittes Erdoğans, die Vergangenheit aufgearbeitet wird. Ich meine damit auch die Zeit vor dem Antritt der AKP. Heute erkennt man in den Aktionen der AKP eine Art Rache, die sie an dem laizistischen Regime für die Prä-AKP Ära nehmen. Sie werfen den damaligen Regierungen vor, aufgrund ihres Glaubens verfolgt worden und unterdrückt worden zu sein. Heute an der Macht entsteht oft das Gefühl, es zurückzahlen zu wollen. Auch diese Zeit muss aufgearbeitet werden. Ein neues Verständnis für Religionen und Diversitäten innerhalb der Gesellschaft muss entstehen und gefördert werden, um die Menschen, egal welcher Herkunft und welchem Glaubens, vereinen zu können. Den ersten Schritt haben die Menschen auf den Straßen schon getan und auch bewiesen, dass es machbar ist. Dort stehen verfeindete Fußballfans Seite an Seite, dort stehen Transvestiten mit Hausfrauen Seite an Seite und dort stehen Aleviten mit Sunniten Seite an Seite und machen von ihrem Menschenrecht Gebrauch und kämpfen für eine demokratischere Gesellschaft ohne von Oppositionellen angeführt zu werden. Ich hoffe, dass die Menschen es schaffen dies auch fortzuführen und umzusetzen. Ich wünsche es ihnen und der Zukunft.”zurück zum Anfang


Eyüp, männlich, in Deutschland geboren, fühlt sich zugehörig zu Norddeutschland und der westlichen Türkei, lebt heute Bremen:

WIE ERLEBST DU GERADE DIE SITUATION IN ISTANBUL?

„Ich beobachte die Sache sehr intensiv und bin ehrlich gesagt nicht überrascht. Es ist gut, dass die Menschen endlich ihrem angestauten Frust ein Ventil geben, aber ich wünschte, es würden dabei keine Menschen oder Geschäfte und Autos sowie unbeteiligte Tiere zu Schaden kommen.“

WAS KRITISIERT DU?

„Dass Erdoğan etwas sagt und später genau das Gegenteil dabei herauskommt. Dass er trotz seiner Beteuerung, die Türkei nicht zu islamisieren, letztendlich genau das tut. Dass er keinen Sinn und kein Verständnis für Meinungsfreiheit und Kunst und Kritik hat. Dass er sich oft sehr peinlich benimmt und dabei glaubt, für alle Türken weltweit zu sprechen. Er ist nicht der Cleverste und statt daran zu arbeiten, denkt er, alles Mögliche besser zu wissen. Die immer mehr um sich greifende Gentrifizierung. Die historischen und kulturell einzigartigen Roma-Viertel Sulukule und Tarlabasi wurden für Profit plattgemacht und die Roma in hässliche Neubauten gesteckt. Karikaturisten werden angezeigt, bedroht und vor Gericht gezerrt. Weltberühmte Künstler werden ohne triftigen Grund wegen angeblicher Blasphemie zu zehn Monate auf Bewährung verdonnert, unschuldige Leute werden halbtot oder tot geschlagen (kenne selbst Betroffene, auch gläubige Muslime). Und er fliegt in die USA und bettelt um Unterstützung, um ein Nachbarland anzugreifen, damit er mit seinen saudischen Gönnern und Unterstützern seine Projekte verwirklichen kann (und wird auch noch abgewiesen). Er vertritt eine ultrareligiöse Agenda und zwingt sie seinem Volk ungefragt auf, harmlose Verliebte werden von Mobs brutal angegriffen, Vergewaltiger kommen entweder ganz davon oder werden milde bestraft, wichtige Posten in Bildung, Energiewirtschaft und Militär werden mit seinen inkompetenten Handlangern besetzt, der Säkularismus immer mehr abgeschafft. Der Mann (Erdoğan) ist nicht nur peinlich, sondern auch gefährlich. Sicher haben er und seine Leute viele gute Dinge geleistet, aber das ist ihnen zu Kopf gestiegen und sie haben ihre Erfolge damit selbst sabotiert. Viele der von der AKP angestrebten und teilweise auch erreichten Ziele sind schon wieder zerstört oder stehen auf sehr wackeligen Beinen (bis auf den Wirtschaftsboom, aber zu welchem Preis? Und ein Blick nach Spanien, vor kurzem noch das Wunderkind der EU, zeigt, dass alles schnell zerplatzen kann). Wirtschaftliches Wachstum braucht, wenn es langfristig andauern soll, auch ein Umfeld der Kreativität und Freiheit, wie wir auch im Vergleich zu den USA und China sehen können. Erdoğan war auf dem besten Weg, ein großer Reformer und Modernisierer zu sein und viele Probleme zu lösen, aber er und seine Leute haben ein zu großes Ego, sind zu gierig und selbstgerecht. Sie haben gerade in den letzten Tagen das Land ordentlich destabilisiert und immensen Schaden angerichtet, der nur schwer zu beheben sein wird. Die Polizeigewalt und überhaupt die superautoritäre und repressive Form des türkischen Staates bzw. seiner Exekutive müssen sich dringend ändern.“

WAS ERWARTEST DU UND WÜNSCHST DU?

„Erdoğan ist vor einem Jahrzehnt mit dem Ziel angetreten, das Land zu vereinen (Sunniten, Aleviten, Kurden, Türken, christliche Minderheiten wie die verbliebenen Armenier und Aramäer), die Türkei und ihr angespanntes Verhältnis zu den Nachbarn (Syrien, Armenien, Russland, Griechenland, Bulgarien etc.) zu entspannen und mehr Demokratie zu ermöglichen. Und sich für die ärmeren Bevölkerungsschichten einsetzen. Außerdem wollte er das historische Erbe der Osmanen bzw. diesen seit der Republiksgründung fast schon verdrängten Teil der türkischen Geschichte wieder ins Bewusstsein zurückbringen und gleichzeitig die Türkei und ihre Infrastruktur modernisieren. Und alle diese angestrebten Ziele schien er zuerst auch tatsächlich Stück für Stück zu erreichen, aber seit einer Weile sind einerseits die erreichten Ziele wieder ins Wanken geraten (Verhältnis zu Armeniern, Israel, Syrien etc.) und andererseits gerät die Rückbesinnung auf osmanische Zeiten zu einer reaktionären Glorifizierung einer Zeit, die gerade in den letzten 100 Jahren des osmanischen Reiches für alle osmanischen Untertanen und auch für die Türken – vielleicht sogar erst recht für die Türken – alles andere als gut war.

Ich wünsche mir, dass die Türkei und ihre Nachbarländer sich mit ihrer Vergangenheit versöhnen und die Menschen in der Türkei sich ihrer Vergangenheit bewusst werden, ohne dabei in der Vergangenheit zu leben oder sich gesellschaftlich zurück zu entwickeln und ohne sich dabei an Normen und Lebensstilen aus längst vergangenen Zeiten zu orientieren.

Angesichts der momentanen Zustände und Reaktionen vieler Türken – sowohl in der Türkei als auch weltweit – wird deutlich, wie unterschiedlich die Ansichten sein können. Von wilden Verschwörungstheorien, für die Anatolier und Araber besonders anfällig zu sein scheinen bis hin zu einer gefährlichen Verklärung und Schönfärbung einiger düsterer Phasen der osmanischen Vergangenheit und des Einflusses des Islams auf das gesellschaftliche Leben, ist momentan alles zu beobachten. Die Unwissenheit vieler Türken und Kurden bezüglich ihrer gemeinsamen Vergangenheit sowie die menschenverachtende Haltung, die die AKP-Anhänger den Protestierenden entgegenbringen sowie ihre Reduzierung auf ‚Alkoholiker und Extremisten’ finde ich schockierend und enttäuschend.

Gut finde ich hierbei jedoch, dass man nun noch viel deutlicher als je zuvor das wahre Gesicht vieler konservativer Türken und Kurden sieht und wie sehr sie in schwarz-weiß-Mustern denken und die Dinge aus einer stark religiös-geprägten Perspektive betrachten. Jetzt weiß man, woran man ist und man muss intoleranten Mitmenschen nicht mehr Toleranz oder Verständnis entgegenbringen, als sie selbst zu zeigen bereit sind.

Viele der Missstände in der Türkei gibt es natürlich auch in anderen Ländern (Zensur, Überwachung, religiöser Einfluss, Vetternwirtschaft usw.), aber das sollte nicht der Maßstab sein oder einer Relativierung dienen.“ zurück zum Anfang

Gezi protest remebrence of Abdullah Cömert

Burak Korkmaz (28), in Istanbul geboren. Seit sechs Jahren aufgrund seines Studium in Deutschland; lebt in Köln, arbeitet als freier Kommunikationsdesigner und ist Master-Student an der FH Düsseldorf:

WIE ERLEBST DU GERADE DIE SITUATION IN ISTANBUL?

„In den ersten Tagen habe ich das Ganze durch meinen Freundeskreis per Telefon oder via Facebook/Twitter verfolgt. Bis vor einer Woche gab es überhaupt keine Berichte, Beiträge etc. über Occupygezi in den Mainstream-Medien. Als die Demonstration letzten Freitag durch den Tränengaseinsatz und die exzessive Gewalt der Polizei hitziger wurde, konnte ich alles mithilfe von Stream-Platformen live sehen. Nach einer Weile wurde dann sowohl international [s. z.B. hier, hier und hier; A.d.A.] als auch lokal die Aufmerksamkeit darauf gelenkt, so dass man Geschehnisse auf eine herkömmliche Art und Weise verfolgen konnte. Was ich kurzum sagen wollte: Obwohl ich nicht physisch vor Ort bin, habe ich es so empfunden, als ob ich dort gewesen wäre.“

WAS KRITISIERST DU?

„Ich kritisiere die Tatsache, dass die konservative-islamistische Partei AKP unsere Verhandlungsfähigkeit und Rechte als Bürger – oder eben Menschen – in den letzten zehn Jahren zunächst ignoriert und letztlich beseitigt hat. Statt eines Sozialstaates und einer harmonischen Gesellschaft haben sie absichtlich ein intolerantes und höchst kapitalistisches System aufgebaut.“  

WAS ERWARTEST DU UND WÜNSCHST DU?

„Vor allem betrachte ich das Ganze sehr optimistisch. Erstmals in der Geschichte der Türkei sieht man eine solidarische zivilgesellschaftliche Bewegung, die ohne die Zugehörigkeit zu einer bestimmten politischen Fraktion agieren kann. Vielleicht entsteht aus diesem Widerstand eine neue politische Partei, die den Bedürfnissen dieser Menschen entsprechen kann. Umweltschutz, Menschenrechte, Integration, Emanzipation, Tierschutz, Bildung und Queer-Rechte sind die Themen, die in der letzten Dekade öfter vernachlässigt wurden und es ist Zeit, dass man schrittweise darauf eingeht.“zurück zum Anfang

* Auf Wunsch dieser Person, handelt es sich bei diesem Namen um ein Pseudonym.
** Alle hier verwendeten Bilder stammen von den folgenden drei Blogs: http://occupygezipics.tumblr.com/ ; http://resistaksim.tumblr.com/ ; http://showdiscontent.com/
*** Alle innerhalb der Antworten gesetzten Links wurden von den AutorInnen dieses Blogs eingefügt.

4 Comments on ““Genug ist genug!” Drei Fragen – 24 Antworten auf die Gezi-Park-Proteste von unseren Freunden in und außerhalb der Türkei”

  1. Pingback: “Enough is enough!” Three questions – 24 answers to the Gezi park protests from our friends in and outside of Turkey | elalem

  2. Pingback: “Enough is enough!” Three questions – 24 answers to the Gezi park protests from our friends in and outside of Turkey | elalem

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *