Antirassistischer EM-Rückblick: EM – Einig Mutterland (Teil 1)

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Die Fußball-EM ist vorbei – möge das bessere Team gewonnen haben (in Anspielung auf Dante via Zamperoni). Nicht vorbei aber ist der unsportliche Teil. Denn der braune Morast ist weltweit tiefer verwurzelt als der grüne Kunstrasen in Kiew und Warschau. Zum Beispiel: Mario Balotelli.

Der Italiener wird seit Jahren von rassistischen ItalienerInnen beschimpft und beleidigt. Als schwarzer Italiener ist er aus der Serie A (der 1. Fußballliga Italiens) nach England gewechselt, weil er in seinem Herkunftsland Italien nicht nur von den Fans anderer Mannschaften rassistischer Hetze ausgesetzt war, sondern ähnliches selbst nach 28 Toren in einer Saison immer wieder von Fans des eigenen Clubs “Inter(nazionale) Mailand” erfahren musste. Balotelli wechselte für 24 Mio. Pfund zu “Manchester City”. Auch in der italienischen Nationalmannschaft ist Balotelli dieser Hetze von Seiten italienischer RassistInnen ausgesetzt, die einen schwarzen Italiener nicht als einen von Ihnen anerkennen wollen. Balotelli ist sich der rassistischen Anfeindungen von verschiedenen Seiten bewusst und benennt seine Wut auch öffentlich. In der EM-Vorrunde waren es einige (un)kroatische Fans, die ihren Rassismus offen gegenüber Balotelli zeigten. Sie warfen Bananen nach Balotelli und machten Affenlaute bei seinen Ballkontakten. Der kroatische Fußballverband wurde daraufhin von der FIFA zu einer Geldstrafe verurteilt. Balotelli ließ sich nicht beirren.

EM-Halbfinal 2012 – Das Hochgefühl

Nun steht am vergangenen Donnerstag Balotelli im Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft, nachdem er die Squaddra Azzurra schon in der Vorrunde und im Viertelfinale eine Runde weiter geschossen hatte. Und nun Deutschland. Von der Weltpresse nach dem Viertelfinale gegen Griechenland als Favorit gefeiert – und zu Zeiten der europäischen Wirtschafts(system)krise bei vielen ItalienerInnen, gewiss besonders bei den NationalistInnen (darunter wiederum viele RassistInnen), wohl Inbegriff wirtschaftlicher und politischer Abhängigkeit. Für den tapferen Balotelli heißt das zwei Fliegen mit der einen Klappe schlagen zu können, die sonst nach ihm und so vielen anderen schlägt?!

Dann fällt alles zusammen: Die Erwartungen einer kritischen italienischen Teilöffentlichkeit; die internationale Sportpresse, die Balotellis persönliche Eskapaden hoch und runter betet; die Reduktion seiner Person auf die Hautfarbe durch den rassistischen Bevölkerungsteil und die propagierte Ausgrenzung durch selbige; Balotellis persönliche Identität als Italiener, die er zu verteidigen weiß; dazu seine feste Überzeugung ein großer, vielleicht ein ganz großer Fußballer, ein genialer Stürmer zu sein und der Wunsch genau das zeigen zu können; 21 Jahre alt, besessen vom Fußball, der schon lange mehr als Sport geworden ist.

alternativer Titel

20. Minute. Bähm! Eins zu null! Die Massen feiern. Balotelli feiert. Und die RassistInnen…?

36. Minute. Ein Pass, ein Sprint, all seine individuelle Klasse in einem Torschuss – Bilderbuch – bähm! – in die Maschen an Manuel Neuer vorbei. 2:0. Überlegenheit! Nicht planbar und doch wie ein Stück aus Grimms Märchen. Vielleicht am Vorabend genauso gewünscht, im Spielverlauf daran geglaubt, aber Gewissheit gibt es nicht. Und doch ist es so gekommen. Es läuft zusammen: ICH! DU! ER! SIE! ES! WIR! IHR! SIE! Balotelli ist in diesem Moment alles zusammen. Die anschließende Bodybuilder-Front-Relaxed-Pose war die konsequente Fortführung, ein wütendes Hochgefühl, das ihn erstarren ließ in seinem haarfein durchtrainierten Körper.

Ein Hochgefühl kann dann zu einer „äußerst intensiven emotionellen Erfahrung“ werden, wenn in einem Moment die (angestrebte) Gruppenidentität mit einer individuellen Handlung verschmilzt. Wenn unsere Handlung vollständig in unserem eigenen Sinne und dem der Gruppe aufzugehen scheint, wir also nicht nur uns, sondern auch zugleich der Gemeinschaft mit der Handlung Sinn geben. „Je umfassender der davon betroffene gesellschaftliche Prozess, desto intensiver das Hochgefühl, die daraus entstehende emotionelle Reaktion“ (Mead 1934: 321). Und die Verbindung zur vorherige Peinigung, Ausgrenzung und Wut und dem Kampf um Anerkennung, Respekt und Gleichberechtigung – hier noch gar nicht einbezogen.

Wenn er gekonnt hätte, hätte Balotelli wohl in seiner Pose platzen können, aus Wut und Hochgefühl zugleich. Mehr Identitätsbewusstsein, mehr Selbst-Bewusstsein in einem Moment ist kaum möglich. Ein Moment Ruhe, ein Moment Kompensation, ein Moment nur Balotelli, aber als „eine erfolgreiche Vollendung des gesellschaftlichen Prozesses“ (Mead 1934: 322), das dazu ein multimillionenfaches Publikum hatte. Eine reguläre Jubelgeste hätte diesen Moment nicht einfangen können, sie wäre diesem Moment nicht gerecht geworden. Und wer vor dem Fernseher saß und die Vorgeschichte Balotellis kannte, nicht durch rassistische Einstellungen oder seinen Frust als Deutschland-Fan beeinträchtigt war und zugleich über eine Grundausstattung an Einfühlungsvermögen verfügte, hatte das Glück, einen ganz besonderen Moment mitzufühlen

Ernüchterung nach dem Spiel

Aber eben nur einen Moment. Denn die Ernüchterung kam nach dem Spiel, als sowohl von Teilen der (un)deutschen rassistischen Anhängerschaft, aber auch von Teilen der (un)italienischen rassistischen Bevölkerung Balotelli weiter mit rassistischer Hetze konfrontiert wurde und wird. So wie es andere in unterschiedlicher Form in vielen Ländern Europas erfahren. Und doch hat Balotelli sie in ihrer Macht und Deutungshoheit getroffen, zumindest für den Moment und einige auch darüber hinaus. Mit Glück sind einige aus ihrer rassistisch-nationalistischen Trance aufgeschreckt und bleiben aufgeweckt

Was bleibt? Auch der mächtige König im tapferen Schneiderlein erteilt dem klugen Schneider immer weitere vermeintlich unmögliche Aufgaben. Als der Schneider die Riesen besiegt, zeigt der König sich nicht zufrieden. Ging es ihm schließlich gar nicht um diese, sondern um seinen unausgesprochenen Hintergedanken, den Schneider aus der Gemeinschaft auszuschließen. Was, wenn auch Balotelli seine Aufgaben nicht hätte erfüllen können? Was, wenn er seine Tore nicht geschossen hätte? Was, wenn er nicht funktioniert und die an ihn gerichteten Erwartungen nicht erfüllt hätte?…

Im Text zitiert: Mead, George Herbert (1934 [1973]): Geist, Identität und Gesellschaft. Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt (a.M.).

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