Gedenkmarsch: Das Problem heißt Rassismus – 20 Jahre nach Rostock-Lichtenhagen

bildungmain, oldblog

Rassistisch motivierte Angriffe junger Männer auf das von VietnamesInnen bewohnte Sonnenblumenhaus sowie auf die Bereitschaftspolizei in Rostock-Lichtenhagen am 26.08.1992. Dabei konnten sich die teils organisierten, teils trittbrettfahrenden RassistInnen und Nazis immer wieder in eine Masse von bis zu 3.000 Schaulustigen zurückziehen. (c) Martin Langer
In diesen Tagen jährt sich das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen. Vor 20 Jahren griffen dort um die tausend Jugendlichen und Erwachsenen über fünf Tage mehrere Hochhäuser für AsylbewerberInnen an. Die BürgerInnen wurden von tausenden Schaulustigen bejubelt, während sie – mit Molotowcocktails, Steinen und Baseballschlägern bewaffnet – die unteren Stockwerke der Häuser von Flüchtlingen und VertragsarbeiterInnen in Brand setzten. Das Bündnis „20 Jahre nach den Pogromen – Das Problem heißt Rassismus“ ruft zu einer Kundgebung und einem Gedenkmarsch in Rostock-Lichtenhagen am kommenden Samstag (25.8.) auf. Dabei gilt es nicht nur an das Pogrom und dessen Folgen zu erinnern, sondern auch die deutschen Zustände im Jahr 2012 zu kritisieren…

„Rostock-Lichtenhagen“ steht stellvertretend für Tausende Überfälle auf AsylbewerberInnen, Deutsche mit Migrationshintergrund und Obdachlose, die sich nach der Wende, Anfang der 1990er Jahre ereigneten –  darunter die Übergriffe auf Hoyerswerda (1991), Mölln (1992), Mannheim-Schönau (1992), Solingen (1993). Parallel zu diesen Ereignissen begannen CDU und CSU mit einer verschärfenden Kampagne für eine Veränderung des individuellen Grundrechts auf Asyl und forderten eine Einschränkung dessen. Assistiert vor allem durch Boulevardmedien wurde eine Bedrohung Deutschlands durch die Asyl-Suchenden inszeniert. Die ARD-Doku „Wer Gewalt sät – Von Brandstiftern und Biedermännern – Die Pogrome von Rostock 1992“ (44 min.) zeigt nicht nur die Entwicklung in Rostock-Lichtenhagen im Jahre 1992, sondern thematisiert auch die gesamtgesellschaftliche, politische und mediale Mittäterschaft:

„Das Ausmaß rechten Terrors in den ersten Jahren nach der Wende und dessen Unterstützung durch große Teile der Bevölkerung und der politischen Eliten erscheint kaum fassbar: 17 Tote, 453 zum Teil schwer Verletzte und über 1900 gewalttätige Anschläge allein von 1989 – 1992“, zählt der Journalist Matthias von Hellfeld. Im Jahr des Rostocker Pogroms 1992 gab es acht Sprengstoff- und 545 Brandanschläge, meist auf Flüchtlingswohnheime.

Vor diesem Hintergrund fanden Anfang der 1990er Jahren auch die Mitglieder der rechtsextremen terroristischen Vereinigung „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) in Jena zu ihrer rassistischen und nationalistischen Haltung. 1992 war Beate Zschäpe 18 Jahre, Uwe Mundlos 19 und Uwe Böhnhardt 15 Jahre alt. Ihre in dieser Zeit sich formierende menschenverachtende Haltung richtete sich fortan an all jene, die nicht in ihr völkisch-weißes Bild Deutschlands passten – ob es Juden und Jüdinnen, Muslime und Muslima, Schwarze Deutsche, PolizistInnen, oder antirassistisch und antifaschistisch eingestellte Menschen waren.

Seit 1990 wurden mehr als 180 Menschen von Nazis ermordet – weniger als ein drittel der Todesopfer sind durch die Bundesregierung anerkannt. Auch die Aufdeckung der rassistischen Mordserie des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) zeigt, wie ignorant Teile von Exekutive und Legislative in Deutschland rassistischen Gewalttaten noch heute begegnen, indem über Jahre lediglich nach „milieutypischen Auseinandersetzungen unter Migranten“ ermittelt wurde und fast alle Medien von „Dönermorden“ berichteten.

Auch die folgende sechsminütige Cosmo-TV-Sendung des WDR von 2011, „20 Jahre Hoyerswerda – Was hat sich seitdem verändert?“, veranschaulicht, dass sich an Orten, die vor 20 Jahren Schauplatz der rassistischen Pogrome waren, zum Teil wenig geändert hat. Schwarze Deutsche, Deutsch-Mosambikaner und -Ghanaer werden hier nach wie vor rassistisch angefeindet – und das vor laufender Kamera:

Für Samstag, den 25. August, ruft ein breites Bündnis von anti-rassistischen Initiativen, Gewerkschaften, Parteien und Kirchen zu einer Gedenkveranstaltung und Demonstration in Rostock-Lichtenhagen gegen Rassismus auf. In diesem Rahmen soll eine offensive Gedenk- und Aufarbeitungspolitik zu den Angriffen vor 20 Jahren eingefordert werden sowie eine über diesen Anlass hinausgehende Auseinandersetzung mit Neonazismus. Den Aufruf des Bündnisses findet ihr hier. (English version).

Aus vielen Städten (Berlin, Hamburg, Köln, Leipzig, Frankfurt und Bremen) fahren Busse am Samstagmorgen nach Rostock-Lichtenhagen. Genaue Ticket-Preise und Uhrzeiten finden sich hier.

Teile des Textes stammen direkt von der Seite des Bündnis „20 Jahre nach den Pogromen – Das Problem heißt Rassismus“. Weitere Infos, Hintergrundinformationen und Mobilisierungsaufrufe auch auf der Facebook-Seite von „Rassismus tötet“.

Herzlichen Dank an den Fotografen Martin Langer, der uns das Foto für diesen elalem-Eintrag zur Verfügung gestellt hat (www.langerphoto.de).

*Das Beitragsbild zeigt die rassistisch motivierten Angriffe junger Männer auf das von VietnamesInnen bewohnte Sonnenblumenhaus sowie auf die Bereitschaftspolizei in Rostock-Lichtenhagen am 26.08.1992. Dabei konnten sich die teils organisierten, teils trittbrettfahrenden RassistInnen und Nazis immer wieder in eine Masse von bis zu 3.000 Schaulustigen zurückziehen. Der Fotograf, Martin Langer, schoss in diesen Tagen auch das weit bekannte Foto des als “Hosenpisser von Rostock” bekanntgewordenen Mann, der einen Hitlergruß zeigt. (c) Martin Langer

Teilen und Verbreiten