Aufruf: Solidarität mit dem türkischen Journalisten Ahmet Şık!

janne GrotemainLeave a Comment

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Am 30. Dezember wurde Ahmet Şık in Istanbul festgenommen. Şık zählt zu einem der renommiertesten und zugleich regierungskritischsten Journalisten der Türkei. Während unserer politischen Erwachsenenbildungsseminare in Istanbul haben wir in den letzten Jahren mit Ahmet und seiner Frau Yonca Verdioğlu Şık*** zusammengearbeitet und durften sie persönlich kennenlernen. Wir fühlen uns auch deswegen in diesem Fall besonders in der Verantwortung, um Aufmerksamkeit für das Verfahren zu werben – stellvertretend für die 147 weiteren Journalist_innen, die in der Türkei aktuell eingesperrt sind. Denn Aufmerksamkeit – so unsere Hoffnung – erhöht die Chance auf ein rechtstaatliches Verfahren und macht politische Willkür zumindest schwieriger.

Ahmet Şık sitzt seit dem 30. Dezember 2016 in Untersuchungshaft, ohne dass bisher ein Gerichtstermin anberaumt wurde. Ihm wird unter anderem vorgeworfen, Propaganda für eine Terrororganisation über seine journalistische Arbeit verbreitet zu haben, wobei die Gülen-Bewegung (von der Regierung und Teilen der Bevölkerung mittlerweile als FETÖ – ‚Fethullahistische Terrororganisation’ bezeichnet) sowie die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK gemeint sind.

Ahmet referierte vor drei Jahren in unserem Seminar über Pressefreiheit und Repressionen im Rahmen seiner Recherchen zur Gülen-Bewegung in der Türkei. Er saß bereits für diese Recherchen 2011 ein Jahr lang in Untersuchungshaft – zu einer Zeit als Gülen und die AKP-Regierung noch nicht offen zerstritten waren, sondern von ihrer jahrelangen Verbündung gegenseitig profitierten. Das Buch, das Şık unter dem Titel „Die Armee des Imam“ (Imamın Ordusu) veröffentlichen wollte und in dem die mutmaßliche Unterwanderung von Polizei und Justiz durch Gülen-Anhänger_innen beschrieben wird, wurde noch vor seiner Veröffentlichung auf Anweisung der Ermittlungsrichter_innen verboten. Şık und zahlreiche weitere Personen wurden verhaftet. Reporter ohne Grenzen, Human Rights Watch, Amnesty International, die Europäische Union und weitere Organisationen übten starke Kritik an der Verhaftungswelle. Im November 2011 wurde das Buch dennoch von Şıks Kolleg_innen unter dem Titel „000Buch“ (000Kitap) veröffentlicht. Şık wurde schließlich im März 2012 ohne Anklage wieder freigelassen. Der Prozess läuft allerdings bis heute. Am 15. Februar und am 21. Februar muss sich Ahmet in dem Fall erneut vor Gericht verantworten. Dieses wird dann voraussichtlich auch sein Urteil verkünden, weswegen es wichtig ist, dass die Augen der Öffentlichkeit auch auf diesen Prozess gerichtet sind.

In den letzten Jahren wurde Şık international für seine journalistische und dokumentarische Arbeit mehrfach ausgezeichnet. 2014 etwa erhielt er den Preis für Pressefreiheit der Unesco; die Jury würdigte ihn als ‚glühenden Verteidiger der Menschenrechte’, als Kritiker von ‚Korruption und Gewalt gegen Meinungsfreiheit’.

Şık befand sich in den ersten Tagen seiner Gefangenschaft in Isolationshaft. Mittlerweile ist er mit zwei weiteren Männern in einer Zelle eingesperrt, u.a. mit Inan Kizilkaya, ehemaligem Chefredakteur der kurdischen Zeitung Özgür Gündem. Seine Frau Yonca erzählte uns, dass sie ihren Mann nur für eine Stunde in der Woche besuchen dürfe. Gleiches gilt für Şıks Anwalt und alle weiteren Angehörigen. Şık darf weder Briefe empfangen noch abschicken. Auch Bücher darf Yonca ihm nicht mitbringen.

Unsere Gedanken sind in diesen Tagen bei Ahmet Şık, Yonca, ihrer Tochter, ihren Familien, Freunden und Angehörigen. Mit Dankbarkeit blicken wir zurück auf die Begegnung mit ihm und seiner Frau. Wir haben beide als leidenschaftliche Personen erlebt, die für eine demokratische, offene, gerechte und solidarische Gesellschaft in der Türkei sowie für die Freiheit des Journalismus und die Gesellschaftskritik einstehen – und sich auch nicht durch Gefängnisstrafen und weitere staatliche Repressionen entmutigen lassen. Ihre Kraft zur Differenzierung hat uns in unseren Gesprächen sehr beeindruckt. Ahmet wie auch Yonca begrüßten aus demokratischen Prinzipien die Entmachtung des jahrzehntelang einflussreichen Militärs durch die AKP, verurteilten gleichermaßen Militärputschbestrebungen, ebenso nationalistische und religiös-faschistische Bestrebungen verschiedener Akteure in der Türkei – oder wie die Zeit-Journalistin Özlem Topcu schreibt: Şıks „politische Haltung hat ihn nicht blind gemacht für schlechten Journalismus. Einen Journalismus, der seine Aufgabe nur in einem ‚flachen Anti-Erdoğanismus’ sieht, ob im Inland oder im Ausland, war ihm zuletzt genauso zuwider wie die untergebene Haltung der nun dominierenden AKP-Verlautbarungsorgane.“

In Şıks am vergangenen  Freitag veröffentlichter Rede vor Gericht (in deutsch, englisch und türkisch), zeigt er erneut, dass er sich in seiner Kritik nicht einschüchtern lässt und die Hoffnung auf Gerechtigkeit nicht verloren hat. Hier schreibt er unter anderem:

„[...] Seit dem ersten Tag meiner professionellen Laufbahn und bis heute habe ich mich bemüht, die Wahrheit zu finden. Denn ich glaube daran, dass die Menschen das Recht haben, die Wahrheit zu erfahren, und dass es die Pflicht eines Journalisten ist, die Wahrheit, die ihm anvertraut wurde, jenen zugänglich zu machen, denen sie gehört – ohne Verzerrung und ohne das Vertrauen, das in ihn gesetzt wird, zu enttäuschen. [...] Wenn ich also die Wahrheit verzerrt habe, ist es nicht Aufgabe der Gerichte, meine professionelle Arbeit zu hinterfragen, sondern Aufgabe der Leser, Zuschauer, in anderen Worten: des Volkes selbst.“

In Bezug auf die Zukunft formuliert Şık:

 „[...] Niemand kann ewig an der Macht bleiben. Sie lässt sich von keiner Hand festhalten. Sie wird nicht in den Händen derjenigen bleiben, deren Augen durch Arroganz erblindet sind, und auch nicht in den Händen derer, die, trunken vor Macht, alle Arten von Unrechtmäßigkeiten begehen. Das ist es, was ich am Tor des Gefängnisses am 12. März 2012 gesagt habe, die Nacht, in der ich entlassen wurde: ‚Aus all dieser Unterdrückung und Tyrannei wird ein neues Leben erstehen, das jene, die an der Macht sind, fürchten, aber von dem wir träumen, und für das wir weiter kämpfen sollen.’ Heute wiederhole ich diese Worte.“

Mit diesem Post möchten wir versuchen, für mehr öffentliche Aufmerksamkeit für und Berichterstattung über den Prozess zu werben. Wir finden es wichtig, den Prozess international zu verfolgen, um politische Willkür im Gerichtsverfahren zu erschweren und zu einem fairen rechtsstaatlichen Verfahren beizutragen. Wie bereits Shermin Langhoff, Intendantin des Berliner Maxim-Gorki-Theaters, in einem Interview formulierte, vertreten auch wir die Ansicht, dass „[n]eben politischen und ökonomischen Interventionen die Fortführung eines kritischen Dialogs notwendig“ ist. Dabei ist es „wichtig, klar zu machen: Die Welt schaut auf euch. Auch darauf, wie ihr umgeht mit euren politischen Gefangenen“…

  • Uns bekannte kritische Hintergrundartikel zur Situation Şıks sind in deutscher Sprache bis heute in der Zeit, dem Standard und der taz (verfasst von einer Kollegin der Cumhuriyet) veröffentlicht worden. Englischsprachige Beiträge finden sich auf der englischen Seite des türkischen Bianet (zu den Haftbedingungen) sowie im Guardian. Weitere aktuelle Informationen postet Yonca (meist in türkischer Sprache) auf ihrer Facebook-Seite; darüber hinaus erscheinen Neuigkeiten unter dem Hashtag #AhmetŞık
  • Das internationale PEN-Netzwerk hat eine Petition zur Freilassung von Ahmet Şık gestartet, die bereits von namhaften Personen unterschrieben wurde, wie z. B. von Elfriede Jelinek, Elif Shafak, Monica Ali, Julian Barnes, Victoria Glendinning, Sir David Hare, Josef Haslinger, AL Kennedy, Ian McEwan, Andrew Motion, Neel Mukherjee, George Szirtes, Hari Kunzru, Roberto Saviano, Ali Smith, Sarah Waters, Irvine Welsh, Khadija Ismayilova, Lydia Cacho, Sandra Rodriguez Nieto und Jerome Starkey.
  • Reporter ohne Grenzen und weitere fordern in einer generellen Petition an die Bundesregierung und EU-Kommission die Meinungs- und Pressefreiheit in der Türkei aktiv einzufordern.
  • Gleichzeitig kann auf vielen weiteren Wegen versucht werden, Aufmerksamkeit und eine Prozessbeobachtung zu ermöglichen, etwa indem der deutsche Botschafter in Ankara oder Politiker_innen, von denen ihr euch im Bundestag vertreten fühlt, angeschrieben und um kritische Stellungnahme gegenüber der türkischen Regierung gebeten werden. Regierungsverantwortliche können aufgefordert werden, Stellung zu beziehen sowie in der Türkei inhaftierte Journalist_innen oder Politiker_innen zu besuchen und den Dialog nicht abreißen zu lassen.

Falls ihr weitere Ideen habt und Möglichkeiten seht, auf Ahmet Şıks Situation von Deutschland aus aufmerksam zu machen und gegen die postfaschistischen Zustände in der Türkei zu protestieren, meldet euch gerne oder postet sie unter diesen Beitrag.

Danke fürs Teilen und aktiv werden!

Ellen und Janne

*** Vielen Dank, Yonca, für den Austausch!

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