Buchveröffentlichung: Ablehnung, Diskriminierung und Gewalt bei Jugendlichen in der (Post)Migrationsgesellschaft

janne GrotemainLeave a Comment

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Um pauschalisierenden Ablehnungen sowie Feindlichkeit und Gewalt u.a. gegen Migrant_innen, Deutsche mit und ohne Migrationsgeschichte, Muslim_innen, Homo- und Transsexuelle, Jüd_innen, Obdachlose sowie Menschen mit Behinderung etwas entgegensetzen zu können, ist es wichtig zu verstehen, wie und unter welchen Bedingungen solche Ablehnungshaltungen entstehen. Darum hat Janne zusammen mit drei Kollegen in den letzten Jahren an einem Buch gearbeitet, das pauschalisierende Ablehnungen bei Jugendlichen mit und ohne Migrationsgeschichte in Deutschland im Detail betrachtet. Das Buch ist gerade erschienen.

Wer steht im Fokus?

In die Studie** sind Interviews mit 43 Jugendlichen im Alter von 14 bis 18 Jahren eingeflossen, die im Laufe eines Jahres zwei Mal interviewt wurden. Die Jugendlichen kamen aus Dörfern, Klein-, Mittel- und Großstädten, besuchten unterschiedliche Schulformen oder hatten die Schule abgebrochen. Die Jugendlichen nutzten in ihren Erzählungen vielfältige natio-ethno-kulturelle Selbstzuschreibungen, sowohl in vereindeutigender Form (zum Beispiel als ‚Deutsche’ oder ‚Russin’) als auch in diversen multiplen Formen, wie zum Beispiel als ‘deutsch-türkisch’ oder ‘deutsch-kurdisch-libanesisch’. Konfessionell und weltanschaulisch waren die Jugendlichen nach eigener Auskunft agnostisch, atheistisch, katholisch, unspezifisch ‚muslimisch’, alevitisch, unspezifisch ‚christlich’, evangelisch, russisch-orthodox, griechisch-orthodox oder religionsungebunden ‚gläubig’.

Im Fokus der Analyse

…standen folgende Aspekte:

  • Inhalte, Formen, Entstehungsprozesse und biographische Entwicklungen bei Jugendlichen mit und ohne Migrationsgeschichte in Bezug auf pauschalisierende Ablehnungshaltungen,
  • Einflussfaktoren für Ablehnungshaltungen sowie dessen Übersetzung in Gewalt und Diskriminierung,
  • Einflussfaktoren, die zu einer Distanzierung von Ablehnungshaltungen und einer stärker differenzierten, relativierenden oder diskriminierungskritischen Einstellung führen,
  • die Rolle der Zivilgesellschaft sowie formeller und informeller Sozialisationsinstanzen (z.B. Pädagogik und Soziale Arbeit),
  • strukturelle und diskursive Einflussfaktoren sowie Lebensbedingungen wie der sozioökonomische Status, der Aufenthaltsstatus, das Alter, das Geschlecht, die Wohnverhältnisse, das Bildungsniveau der Jugendlichen etc. und dessen Einfluss auf die Ausbildung und Verfestigung von pauschalisierenden Ablehnungshaltungen,
  • Erfahrungen von Kontrolle, Integration, Sinnlichkeit und sinnlichem Erleben, Sinnerfahrung sowie erfahrungsstrukturierende Repräsentationen und Selbst- und Sozialkompetenzen (sog. ‚KISSeS-Erfahrungen‘).

Sechs Facetten pauschalisierender Ablehnung

Herzstück des Buches ist die detaillierte Analyse zentraler Facetten pauschalisierender Ablehnungen bei Jugendlichen mit und ohne Migrationsgeschichte:

  1. Herkunfts- und migrationsbezogene Ablehnungen. Dabei stehen natio-ethno-kulturelle Ablehnungskonstruktionen insbesondere gegenüber Personen mit angenommenen türkischem und osteuropäischem Migrationshintergrund im Fokus. Aber auch Ablehnungen von Deutschen ohne ‚Migrationshintergrund’ sowie Ablehnungen, die sich auf Konflikte in anderen Ländern beziehen aber in Deutschland ausgetragen werden, wie der kurdisch-türkische Konflikt oder die ‚Jugoslawienkriege’ werden thematisiert.
  2. Antimuslimische Haltungen. Die befragten Jugendlichen beziehen diese sowohl auf religionsspezifische als auch religionsunspezifische Eigenschaften. Im letzteren Fall sind religiöse, nationale, soziale, kulturelle, familiale und regionale Zuschreibungsmuster oft stark miteinander verwoben. Dies ist beispielsweise dort zu beobachten, wo die Debatte um ‚Ehrenmorde’ oder allgemein patriarchales Verhalten als muslimische Eigenart und nicht etwa als familial-traditionelle oder regional-kulturelle Praxis gedeutet wird. Darüber hinaus sind die Ablehnungshaltungen vielfach von kulturalistischen Gegensatzvorstellung geprägt. Diese gehen einerseits mit dem Bild einer Ausbreitung und starken Präsenz ‚des Islam’ einher, die auf engste Weise mit rassistisch konnotierten ‚Überfremdungs’-Ängsten verbunden ist. Andererseits wird die ablehnende Haltung mit einer mit ‚dem Islam’ in Verbindung gebrachten Archaik begründet, die mit der Vorstellung einer so empfundenen weiblichen Unterordnung und eines männlichen, mit Gewalthandeln in Verbindung stehenden Dominanzanspruchs verknüpft wird.
  3. Antisemitische Haltungen. Diese Ablehnungshaltungen unterscheiden sich in ihren Entstehungs- und Begründungszusammenhängen von den beiden vorigen Ablehnungsmustern auch und im besonderen dadurch, dass kaum ein Jugendlicher eigenen Kontakt zu Jüd_innen hat und antisemitische Vorurteile quasi entkoppelt von konkreten Begegnungen und Erfahrungen mit ‚Juden’ formuliert werden. Grob können in den Interviews unter anderem zwei Muster der Zuschreibung unterschieden werden: 1. Zuschreibungen, die in der Logik eines primären und separierenden Antisemitismus auf die Feststellung phänotypischer oder gar ‚wesenhafter’ Andersartigkeit hinauslaufen. 2. Zuschreibungen, die entweder der Logik einer antisemitisch ausgerichteten ethnisch-kulturellen Differenzkonstruktion folgen oder israelkritisch und NS-vergleichend auf aktuelle Konflikte Bezug nehmen. Dies ist sowohl bei Jugendlichen der Fall, die sich als ‚rechts’ bezeichnen, als auch bei Jugendlichen, die aufgrund ihrer natio-ethno-kulturellen Selbstzuschreibung (vor allem als „Araber“) und/oder ihrer religiösen Selbstbeschreibung (vor allem als „Muslime“) spezifische Betroffenheiten reklamieren.
  4. Stilbezogene und territorialisierende Ablehnungshaltungen. Hier stehen solche Ablehnungen im Fokus, die schwerpunktmäßig Gruppenkonflikte mit sozialräumlicher Ausprägung aufweisen (Nachbarschafts-, Stadtteilrivalitäten). Darunter fallen auch solche Formen der Ablehnung, die sich auf andere jugendkulturelle Stile, Ästhetiken etc. beziehen.
  5. Ablehnungshaltungen im Kontext der hegemonialen Geschlechterordnung. Dabei lassen sich drei Ablehnungsformen herausarbeiten. 1. Die in der heteronormativen Geschlechterordnung basierte Ablehnung von Homosexualität bzw. von Schwulen und Lesben. 2. Ablehnende Haltungen gegenüber „Schlägertypen“ und „Mackern“, also gegenüber Gruppierungen, denen eine archaische Männlichkeitsperformance im Sinne einer Orientierung auf physische Gewaltanwendung, interpersonale Dominanz und Hypermaskulinität zugeschrieben wird. 3. Die ganz überwiegend unter weiblichen Jugendlichen verbreitete Ablehnung gegenüber einer gender-highperformance von „Tussis“ und „Schlampen“, die komplementär ergänzt werden durch eine männliche Perspektive sexistischer Objektivierung und/oder patriarchaler Kontrolle bzw. durch Kontrollfantasien.
  6. Ablehnungshaltungen gegenüber gesellschaftlichem ‚underpreforming’. Diese betrifft beispielsweise Drogenabhängige, Menschen mit Behinderung, Arbeitslose oder sonstige an den Rand der Gesellschaft gedrängte und als „Loser“ oder „Schwache“ stigmatisierte Menschen.

Warum war dieses Buch nötig?

Die Studie soll eine Lücke in der Forschung zur bisherigen und sogenannten Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF) schließen. Die GMF-Forschung, die seit 2002 insbesondere durch eine zehn Jahre währende und jährlich wiederholte repräsentative Querschnittserhebung des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld vorangebracht wurde hat wichtige Impulse gegeben. Sie geht jedoch zugleich mit diversen Problemen einher, die im Buch ausführlich skizziert werden:

  • ‚Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit’ legt den Fokus auf ‚Menschengruppen’, wodurch nicht berücksichtigt werden kann, dass sich Ablehnungen auch auf bestimmte Weltanschauungen bzw. Religionen o.ä. beziehen.
  • Der Begriff der ‚Feindlichkeit’ erscheint gerade in Bezug auf Jugendliche, die sich in einem Stadium der Orientierung und der Identitätsbildung befinden, eher unangemessen, da er stigmatisierend ist und die Veränder- und Beeinflussbarkeit der Ablehnungshaltungen zu wenig berücksichtigt. Zudem ist ‚Feindlichkeit’ eher als Endstadium von Ablehnungshaltungen zu sehen, wodurch die weniger ausgeprägten Ablehnungsgrade unter den Tisch fallen, zu denen beispielsweise unreflektierte und oberflächliche Ad-hoc-Meinungsäußerungen, Ressentiments, Vorurteile oder andere affektiv grundierte Orientierungen und Gestimmtheiten gezählt werden können. Diese sind jedoch ebenfalls relevant und zu problematisieren – gerade weil sie oft noch mehr Raum zur Aushandlung und Intervention von außen lassen, als dies gefestigte Feindschaften erlauben.
  • In der GMF-Forschung werden Jugendliche bisher nur eingeschränkt berücksichtigt, während die vorliegende Studie explizit Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren mit und ohne Migrationsgeschichte umfasst. Da die Jugendphase eine wichtige Sozialisationsphase ausmacht, ist diese Ergänzung bisheriger GMF-Forschung in der Tiefe durch den längsschnittlichen und qualitativen Ansatz zentral.
  • In der bisherigen GMF-Forschung werden kaum Verläufe des Aufbaus noch Prozesse der Distanzierung von bestimmten Ablehnungshaltungen näher beleuchtet. Das nun veröffentlichte Buch reflektiert hingegen für jede Ablehnungsfacette Prozesse des Aufbaus sowie der Distanzierung sowie der Einflussfaktoren.
  • Darüber hinaus werden nicht alleine Einstellungen erfasst, sondern Einstellungen in Bezug auf tatsächliche Erfahrungen und auch Handlungen der Jugendlichen hin rekonstruiert.

Des Weiteren schauen wir, unter welchen Bedingungen sich die Ablehnungen im Rahmen der einzelnen Ablehnungsfacetten in Gewalt- und Diskriminierungshandeln übersetzen. Dabei werden die jeweiligen Gewalt- und Diskriminierungshandlungen ebenfalls wie folgt unterschieden:

  • Gewalttätigkeit,
  • Drohung von Gewalt,
  • Propagierung und/oder Stimulation fremdausgeübter Gewalt in konkreten Situationen,
  • Duldung, Inkaufnahme und/oder Billigung fremdausgeübter Gewalt in solchen Situationen,
  • Eigene Gewaltbereitschaft,
  • Befürwortung von Gewalt im Allgemeinen.

Was bleibt?

Unsere Untersuchungsergebnisse zeigen u.a., dass (zumindest im Hinblick auf Jugendliche) die schematische Vorstellung eines kohärenten Syndroms Gruppenbezogener Feindlichkeit weitgehend revidiert, wenn nicht gänzlich fallengelassen werden muss. Die in der Studie mit zeitlichem Abstand durchgeführten Interviews lassen eine Reihe jugendphasenspezifischer Beweglichkeiten und Dynamiken als wesentliche Haltungsmerkmale hervortreten.

Das Buch bietet auf Grundlage der Auswertungsergebnisse eine neue Systematisierung von Ablehnungsmustern und ihrer Entwicklungprozesse. Dabei wird zunächst gefragt, welche Bedeutung unterschiedliche Einflüsse für den Auf- und Abbau von Ablehnungskonstruktionen haben. Desweiteren wird der Frage nachgegangen, inwieweit die sozialisationsspezifische Jugendphase die Ablehnungshaltungen prägt und auf welche Weise die einzelnen herausgearbeiteten Ablehnungsfacetten miteinander verbunden sind.

Abschließend werden 50 Anregungen für Forschung und Praxis formuliert. Neben der Notwendigkeit, Gruppierungen, die Zielscheibe von Ablehnungen, Diskriminierung und Gewalt sind, zu schützen und Viktimisierungen vorzubeugen, umfassen die Anregungen u.a. die folgenden Punkte:

  • Jenseits des organisierten rechts(populistischen) und rechtsextremen Spektrums gilt es soziale Räume für diejenigen zu schaffen, die weniger gefestigt und weniger kategorial Ablehnung, insbesondere gegenüber ‚Muslimen‘, äußern. In diesen Räumen, müssen die Jugendlichen ihre Ängste, Vorurteile und Fragen artikulieren können. Gleichzeitig müssen hier aber auch Zeit und Expertise vorhanden sein, um auf diskriminierende Einstellungen differenziert zu reagieren.
  • Solange politisch, rechtlich und sozial auf Eigennutz ausgerichtetes Nationalstaatsdenken herrscht, weiterhin natio-ethno-kulturelle Zwänge zur Vereindeutigung wirksam sind und überkommene kulturelle Grenzziehungen nicht transkulturell aufgelöst werden können, solange also nationalisierende, ethnisierende, kulturalisierende und rassialisierende Sichtweisen strukturell durchsetzungsmächtig sind, bleibt von akzeptanzorientierten politisch-sozialen Positionierungen auf Seiten von Etablierten außer ‚guten Absichten‘ wenig übrig.
  • Gender-Bezüge sind in nahezu allen Ablehnungsfacetten bedeutsam. Aus diesem Befund folgt, dass es nicht nur einer Bearbeitung von pauschalisierenden Ablehnungen in explizit gender-thematisierenden Problemfeldern wie etwa bei der Frontstellung gegenüber Homosexuellen bedarf, sondern eine wesentlich breiter aufgestellte geschlechterpädagogische Sensibilität und Initiative erforderlich ist.
  • Mehr als bislang sollten Distanzen zu und Distanzierungen von pauschalisierenden Ablehnungen stärker von der Forschung berücksichtigt werden. Gerade für Praxiszusammenhänge ist diese Frage wichtig, weil deren Akteure höchstwahrscheinlich stärker als von Erkenntnissen über Entstehung und ‚Ursachen‘ der von ihnen zu bearbeitenden Phänomene von Wissensbeständen darüber profitieren können, welche Weichenstellungen im biographischen Verlauf Abstandnahmen von oder gar (relative) ‚Resistenz‘ gegenüber Ablehnungen bewirken können.
  • Die Studie zeigt auf, wie sehr individuelle Haltungen – vermutlich nicht nur in der Jugendphase – auch von Interaktionszusammenhängen geprägt werden, die sich mikro-systemisch, d.h. im sozialen Nahraum, vollziehen: in Familien, Freundeskreisen, Schulklassen, Stadtteilen usw. Selbst wenn sie durch Implikationen gesellschaftlicher Meso- und Makrosysteme beeinflusst werden, so werden die Einflüsse letztlich dort relevant, wo sich der (reale und virtuelle) Lebensraum der Proband_innen aufspannt. Deshalb erscheinen neben biographischer Forschung, die sich auf Einzelpersonen bezieht, und Studien zu strukturellen und institutionellen Rahmenbedingungen auch und im besonderen Studien besonders vielversprechend, die Prozesse der Haltungs- und Ablehnungskonstruktion in den gesellschaftlichen Mikrobereichen untersuchen.

**Das Buch entstand in Zusammenarbeit mit:
Prof. Kurt Möller, Professor für Theorien und Konzepte Sozialer Arbeit an der Hochschule Esslingen;
Kai Nolde (M.A.), Soziologe und freier Wissenschaftler in Hamburg;
Dr. Nils Schumacher, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Esslingen.

****Das Buch ist als Printfassung und E-Book über die Verlagsseite, über die Buchhandlungen des Vertrauens sowie den Onlinebuchhandel erwerbbar. Zudem besitzt mittlerweile ein Großteil der Universitätsbibliotheken ein Exemplar. Falls Eure Bibliothek bisher kein Exemplar hat, wäre es natürlich schön, wenn Ihr der Bibliothek einen Hinweis auf das Buch geben würdet.

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